Wolfgang Welt: Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe

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Obwohl Wolfgang Welt den zweiten und dritten Roman erst in den Nullerjahren schrieb, lesen sich beide mit seinem Debüt »Peggy Sue« von 1983, von Suhrkamp im Band »Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe« zusammengefasst, wie ein einziger langer Stream seines Lebens in den frühen 80er Jahren in Bochum.

Meist ist dieses recht ereignislos. Immer und immer wieder geht es in die damaligen Bochumer Schankwirtschaften »Appel« und »Rotthaus« (es lässt sich herausfinden, dass es sich dabei um Vorgänger/Verwandte des »Zwischenfall« und des Bahnhofs Langendreer handelte), die durch einen Lottogewinn finanzierte Führerscheinprüfung wird bestanden, irgendwann das Studium wieder aufgenommen, und der viel zu seltene Frauenbesuch in der »Mansarde« im Haus der Eltern in Bochum-Wilhelmshöhe beklagt. Dort war Welt sehr verwurzelt, mit Jugendfreunden, Nachbarn, lokalem Fußballverein und – damals gab es so etwas ja noch – der Eckkneipe. Siedlung und Elternhaus verließ er Zeit seines Lebens nur kurz. (Einen Text Welts über einen Gang durch Bochum und die Wilhemshöhe mit »nüchternem, wehmütigem Blick« gibt es hier.)

Da Wolfgang Welt aber auch Musikjournalist war, vor allem bei der Zeitschrift Sounds und dem Bochumer Stadtmagazin Marabo, ist auch die schon damals recht prekäre Arbeit dort sowie die deutsche und internationale Musiklandschaft der 80er Thema: ohne einen Pence in der Tasche fährt Welt in einer beeindruckenden Episode mit Motörhead auf Tour durch England (eine Zeit ohne Geldautomaten oder gar Kreditkarte), ein Interview mit Lou Reed wird verpasst, und man bekommt von längst vergessenen Ruhrgebietsbands erzählt.

Der Buddy-Holly-Fan Wolfgang Welt disst auch genau die richtigen Leute: vor allem seinen Intimfeind, den anscheinend schon damals fürchterlichen Heinz-Rudolf Kunze. Der gerade aufstrebende Grönemeyer kommt noch etwas besser weg, ambivalent schienen mir die Erwähnungen Diedrich Diedrichsens zu sein, der mit Mitte 20 bereits Chefredakteur von Sounds war.

Wolfgang Welt wurde schizophren – ein wirklich furioses Kapitel handelt davon – und verbrachte anschließend mehr oder weniger den Rest seines Lebens zurückgezogen als Nachtportier des Bochumer Schauspielhauses. Im Sommer 2016 ist er im Alter von 63 Jahren gestorben, ohne jemals so richtig bekannt geworden zu sein (obwohl etwa Peter Handke ein Förderer war). Leute wie Sven Regner oder Frank Goosen beackerten die 80er Jahre sehr viel erfolgreicher.

Am Dortmunder Platz von Leeds, an der Stelle, an der sich heute eine Metzgerei befindet, war früher eine Filiale der Plattenladenkette »Elpi«. Dort arbeitete Wolfgang Welt zu Beginn der 80er. Aus einem Fenster der größten Buchhandlung der Stadt kann man beinahe auf das Gebäude sehen. Die Bücher eines außergewöhnlichen Ruhrgebietsschriftstellers, der ohne den üblichen Folklorekitsch und Lokalpatriotismus über seine Heimat schrieb, dessen Erinnerungen an jedes noch so kleine Detail so einen wunderlichen Sog entwickeln, haben sie dort nicht.

Schlagwörter:

Musik, Romane, Ruhrgebiet

  • Autor(en): Wolfgang Welt
  • Verlag: Suhrkamp
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2006 (3. Auflage)
  • ISBN: 978-3518457764
  • Wertung von Dirk: 4/5

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