Jean Vautrin, Jacques Tardi: Die Macht des Volkes

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Mit dem ersten Band dieser Tetralogie – »Die Kanonen des 18. März« – werden wir als Leser ohne viel Auftaktgeplänkel mitten hineingeschleudert ins Paris des Jahres 1871. Es ist März, der Deutsch-Französische Krieg ist gerade eben mit dem Versailler Frieden beendet worden – und ein Streit um mehrere Hundert Stück Artillerie spitzt sich gerade zu. Sowohl Pariser Nationalgarde und republikanische Gruppen auf der einen als auch reguläre Armee und Regierung auf der anderen Seite beanspruchen die Kontrolle über die Geschütze für sich. Die Auseinandersetzung wird jeden Augenblick in Aufstand und Bürgerkrieg münden.

Für mich selbst ist diese – nur wenige Wochen dauernde – Episode in der so bewegten französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts fast ganz unbekannt gewesen, bevor ich Vautrins und Tardis Werk in die Hände bekam.

Die Zeit der Kommune, von ihrer Bildung bis zum blutigen Ende, bildet den Hintergrund dieses Comic-Romans, und fast alle Akteure nehmen auch direkt an den Ereignissen teil oder sind doch zumindest von ihnen betroffen.

Als ich die Bände zum ersten Mal durchblätterte, war ich als Freund von Comics im »Ligne Claire«-Stil zunächst ein wenig enttäuscht. Die Zeichnungen von Tardi sind anders als die sauberen, feinen Konturen mit der zurückhaltenden Farbgebung, die ich so mag – Tardis Tuschezeichnungen sind kräftig und auf ein hartes Schwarz-Weiß reduziert. Ich ließ mich darauf ein und lernte Tardis Stil zu schätzen. Ausdrucksstark, schonungslos, hart: genau die passende Bildsprache für die Geschichte um Rache und Liebe, für den geschichtlichen Hintergrund und auch für die Protagonisten, unter denen sich Lumpenproletarier, Huren, Ganoven, Soldaten und Geheimdienstler finden.

Die Geschichte selbst ist als Ganzes gesehen vielschichtig und hat Substanz. Die Charaktere, selbst Nebencharaktere, sind mit Liebe zum Detail ausgearbeitet: ihr Verhalten, ihr Aussehen, ja, sogar ihre Sprache sind plastisch und stimmig (Dialekt und Umgangssprache dort, wo es passt).

Was mir nicht so gelungen erscheint, sind die allzu häufigen »Einmischungen« des Autors. Wie dem Vorwort zu entnehmen ist, treibt Vautrin das Thema der Pariser Kommune sehr um. Etwas zu sehr womöglich, denn er kann sich nicht enthalten, immer wieder Erklärungen aus dem Off einzuschieben oder den Protagonisten in den Mund zu legen. Diese Einschübe klingen seltsam hölzern, pathetisch und manchmal dozierend und bilden unschöne Fremdkörper in einem sonst guten Comic-Roman.

Der Plot und die Charaktere sind allzu oft die Schwachpunkte von Graphic Novels, und es sind nun einmal andere Graphic Novels, nicht klassische Romane, die ich zum Vergleich bei der Beurteilung dieses Werkes heranziehen muss. Für mein Empfinden wiegen die genannten Schwächen bei »Die Macht des Volkes« im Licht dieses Vergleichs nicht schwer. Daher: Daumen hoch!

  • Autor(en): Jean Vautrin, Jacques Tardi
  • Zeichner: Jacques Tardi
  • Originaltitel: Le cri du peuple
  • Verlag: Edition Moderne
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2002
  • ISBN: 978-3907055625
  • Wertung von Andreas: 4/5

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