Tom Hodgkinson: Anleitung zum Müßiggang

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Im Buch des Engländers, nebenbei Herausgeber der Zeitschrift The Idler, geht es um das dem westlichen Menschen durch verschiedene Spielarten des Protestantismus, Moralapostel und die industrielle Revolution aufgezwungene Leben nach Stechuhr, um den Diebstahl von Lebenszeit durch Arbeit, die allgemeine Missbilligung der Faulheit – und was man dagegen tun kann. Müßiggang bedeutet bei Hodgkinson nicht, auf dem Sofa festzuwachsen, sondern ein freies, selbstbestimmtes, entschleunigtes und dabei notwendigerweise auch konsumkritisches Leben zu führen und so Zeit und Lebensqualität zu gewinnen. Dass das wohl nur den allerwenigsten vollständig gelingt – egal. Hodgkinson ist kein Optimierer mit Flowchart und Checkliste, sondern eine Art Universalgelehrter, der in seinem Buch ausgiebig aus Literatur, Geschichte und Musik zitiert: weise Chinesen, diverse Dandies, Der Wind in den Weiden, The KLF oder Melvilles Bartleby. Genug Anregung und Inspiration, um vielleicht einige Schrauben im Leben zu justieren, auch wenn man notgedrungen weiterhin den Bürojob machen muss. Hodgkinson, und das finde ich ganz tröstlich, lebt selbst mit Widersprüchen: den Versuch, als sich selbst versorgende Amateur-Bauern irgendwo in Devon zu leben, haben er und seine Familie frustriert abgebrochen und sind nach London zurückgekehrt.

Der große Renaissance-Essayist Montaigne liebte den Schlaf; enttäuscht war er nur, dass man sich dessen Freuden nicht bewusst ist, wenn man schläft. Er gab deshalb seinem Diener die Anweisung, ihn mitten in der Nacht zu wecken, damit er halb wach würde, um das Gefühl der Schläfrigkeit genießen zu können, und dann das Vergnügen habe, wieder einzuschlafen.

Jede Stunde des Tages hat in der Anleitung… ein Kapitel, dort widmet sich Tom Hodgkinson etwa dem freudlosen Kaffeetrinken aus Pappbechern, dem freiwilligen Sichschinden im sog. Aktivurlaub, »gemächlichen Mittagessen« mit anschließendem Schläfchen oder dem Flanieren (in diesem Kapitel hält er dem heute üblichen Hetzen von der U-Bahn ins Büro eine sehr schöne Stelle aus dem Passagen-Werk Walter Benjamins vor: 1839 sei es Mode gewesen, beim Promenieren eine Schildkröte an der Leine mit sich zu führen).

Er gewinnt dem Krank-im-Bett-liegen Positives ab, schreibt über die deprimierende Humorlosigkeit Lenins und scheut sich nicht davor, ausgiebigen Alkoholgenuss zu preisen. Auch hat Hodgkinson eine etwas seltsame Begeisterung für das europäische Mittelalter. Dem Klischee einer Epoche, in der man mit 20 schon keine Zähne mehr hatte und im ewigen Dreck unter einer allmächtigen Kirche lebte, stellt er die vielen Feiertage und die vorindustrielle Arbeitsmoral entgegen: nämlich nur soviel zu schaffen wie es zum Leben notwendig ist.

In der Vergangenheit zu leben, ist ein wirksamer Weg, von den Geschmacklosigkeiten der Gegenwart Abstand zu gewinnen. […] Respekt vor einer früheren Zeit ist nicht unbedingt bloße Nostalgie oder Weltflucht; er kann auch die bewusste Ablehnung der Werte der Konsumkultur und das Gefühl sein, von der ständigen Jagd nach »dem Neuesten« schikaniert zu werden. Jede vergangene Zeit kann diesen Zweck erfüllen, für mich ist es das 18. Jahrhundert.

Keine Ahnung, ob schon mal jemand soviel teils kauziges Material zum Thema Faulheit zusammengetragen hat wie Hodgkinson. Aber er meint das ernst. Das Buch ist eine Abrechnung mit der westlichen Arbeitsethik und eine Ermunterung, dass es auch anders geht. Ohne schlechtes Gewissen.

  • Autor(en): Tom Hodgkinson
  • Originaltitel: How To Be Idle
  • Verlag: Insel Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2013 (4. Auflage)
  • ISBN: 978-3458359777
  • Wertung von Dirk: 5/5

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