Renate Bergmann: Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker

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Allein die Zahl der Follower, die Renate Bergmann bei Twitter mittlerweile hinter sich versammeln konnte, macht klar, dass sie schon lange kein Geheimtipp mehr ist. Mir allerdings war sie ganz unbekannt, als ich vor zwei Monaten einen Doppelband von ihr bei meinen Eltern auf dem Couchtisch liegen sah. Ich blätterte ein wenig darin herum, blieb hängen und musste in kurzer Zeit mehrmals laut lachen.

Der Autor Torsten Rohde schlüpft seit 2013 in die Rolle der 82-jährigen Berlinerin Renate Bergmann und lässt sie Anekdoten aus ihrem Alltag erzählen und immer wieder auf ihr langes Leben zurückblicken. Dabei regiert nicht unbedingt der subtile Humor, sondern es geht schon auch mal deftig oder kalauernd bis an die Schmerzgrenze zu. Rohde hat in der Dosierung aber fast immer eine glückliche Hand und lässt die Geschichten nicht in blöde Plattheit kippen.
Das gilt auch für das Personal, mit dem man es – immer durch die Augen von Frau Bergmann gesehen – zu tun bekommt. Ob es das ebenfalls hochbetagte Ehepaar Gläser ist; die »liederliche« Nachbarin, die um fünf Uhr morgens noch immer im Bett liegt; die Erzieherin mit ihrem gefürchteten Kindergartenchor; oder aber die eigene ein wenig aus der Art geschlagene Tochter – es wird stets mit kräftigen, manchmal groben Pinselstrichen gemalt.

Aber eben nicht zu simpel. Es passt, und es macht großen Spaß, Renate Bergmann zuzuhören, wenn sie erzählt. Immer mit einer umwerfenden Schnoddrigkeit und Verve, für die man sie nur ins Herz schließen kann, und zum Glück nie mit Rührseligkeit.

Leserinnen und Leser, die noch in der DDR aufgewachsen sind, mögen sich vielleicht ein klein wenig an die Erzählungen von Ottokar Domma erinnert fühlen. Jene Geschichten wurden nicht aus der Sicht einer Rentnerin, sondern aus der eines naseweisen Schülers erzählt. Aber in der Art, wie Ottokar in aller Unschuld seine Zeitgenossen durch den Kakao zieht, sich aber auch ständig selbst bloßstellt oder wie er Begriffe verdreht und gestelzte Sprache verballhornt – ja, darin könnte er schon als so eine Art Neffe Renate Bergmanns erscheinen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch ein, zwei oder mehr Bücher von Renate Bergmann lesen muss. Vermutlich würde es dann doch irgendwann zu redundant. Aber die Lektüre dieses Buches möchte ich nicht missen. Einen Korn auf Ihr Wohl, Frau Bergmann!

Schlagwörter:

Humor & Satire

  • Autor(en): Renate Bergmann
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2014
  • ISBN: 978-3499236907
  • Wertung von Andreas: 3/5

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