Peter van Dongen: Rampokan: Java

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Der niederländische Zeichner Peter van Dongen versetzt uns in den zwei Bänden »Java« und »Celebes« seines Comic-Romans nach Indonesien, in die Zeit kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Wie in anderen Teilen Asiens und Afrikas prallte auch in Indonesien die frühere europäische Kolonialmacht mit ihrer Absicht, den Zustand von vor dem Krieg wiederherzustellen, auf eine veränderte Wirklichkeit. Wie anderswo waren auch in Indonesien nationales Bewusstsein und damit das Streben nach Unabhängigkeit erwacht und, wie sich herausstellen sollte, trotz aller Härte und trotz allen Blutvergießens nicht mehr zurückzudrängen.

Van Dongen erzählt aber in »Rampokan« nicht die Geschichte des indonesischen Unabhängigkeitskrieges. Der Krieg ist die historische Kulisse, vor der sich die ganz persönliche Geschichte Johan Knevels abspielt. Er ist als Soldat und später in anderer Rolle in die Ereignisse verstrickt, und durch Knevels Augen werden auch wir Leser manchmal von Ferne, oft aber ganz unmittelbar Zeugen der Grausamkeiten des Krieges.
Und doch bewegt sich Knevel, getrieben von seinen ganz eigenen Motiven und Visionen, immer weiter abseits der historischen Haupthandlung. Es ist die Vergangenheit, der er nachjagt und die immer wieder in seine Realität hineingreift und sich immer wieder mit ihr überlagert.

Die ganze Geschichte bekommt dadurch trotz der schonungslos dargestellten Härte der Umgebung streckenweise etwas seltsam Träumerisches, beinahe Entrücktes. Van Dongen verstärkt diese Stimmung sehr gekonnt, indem er immer wieder in eine Erzählweise nach dem Muster des »stream of consciousness« hinübergleitet und sich an anderen Stellen als auktorialer Erzähler weit über das Geschehen erhebt und ihm als Gleichnis Bilder des traditionellen indonesischen Tigerkampfes gegenüberstellt, des Rampokan.

Das Träumerische, das oft nur vage Angedeutete, das Wechseln zwischen Zeiten und Erzählebenen machen das Lesen dieses Comic-Romans durchaus anspruchsvoll. Ich selbst habe den Fehler gemacht, ihn bei ersten Mal eher nebenher zu lesen, beim Essen etwa. Ich war daher nach dieser ersten Lektüre gar nicht so angetan von »Rampokan«. Beim zweiten Mal habe ich dieses Werk mit ganzer Aufmerksamkeit und in Ruhe gelesen – und war gefesselt!

»Rampokan« lässt sich durchaus auch in einem größeren Kontext lesen, als ein Nachspüren nach dem Begriff Heimat nämlich: was ist Heimat für jemanden, der in einem Land geboren wird, in dem er als Fremder gilt, als Besatzer gar? Der Held der Geschichte, Johan Knevel, fühlt sich mehr als Indonesier denn als Niederländer. Seine Kindheitserinnerungen kreisen um sein Kindermädchen Ninih, um die Geräusche und Gerüche auf den Märkten Makassars. Und doch wird ihm deutlich gemacht, dass Indonesien ihm keine Heimat mehr sein kann.

Van Dongen entwickelt hier eine komplexe Geschichte, in die Autobiografisches aus seiner Familiengeschichte ebenso geflossen ist wie die Ergebnisse jahrelanger Recherche. Das betone ich ganz besonders mit Hinblick auf die Adaptionen von bereits fertigen Geschichten oder Biografien, mit denen der Markt für Graphic Novels seit geraumer Zeit geradezu geflutet wird.

Nun habe ich mir ausgerechnet bei einem Comic-Roman das Optische bis zum Schluss aufgehoben. Dazu kann und will ich aber auch gar nicht viel mehr sagen als: meisterhaft. Außer den Werken des von Dirk bereits zu Recht gelobten spanischen Comic-Künstlers Paco Roca ist mir persönlich bisher nichts in die Hände gekommen, das so eindeutig »ligne claire« ist und das so detailversessen daherkommt, so stimmungsvoll, so atemberaubend poetisch. Eine Besonderheit, die »Rampokan« ganz besonders gut steht, ist die extrem sparsame Kolorierung van Dongens, der nämlich nur mit Grau und einem Braunton operiert, um den Tuschezeichungen Akzente zu geben.

Sehen Sie einfach selbst: Vorschau auf der Website des Künstlers!

  • Autor(en): Peter van Dongen
  • Zeichner: Peter van Dongen
  • Verlag: avant-verlag
  • Jahr: 2008
  • ISBN: 978-3939080299
  • Wertung von Andreas: 4/5

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