Michael Hochgeschwender: Die Amerikanische Revolution

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Ich interessiere mich seit langem ganz besonders für britische Geschichte und habe dazu schon einiges an Gedrucktem verschlungen – Klassiker wie Modernes. Man hat mich schon im Flugzeug nach Südspanien gesehen, wie ich inmitten der allgemeinen Urlaubsstimmung regungslos über Macaulays »History of England« gebeugt saß und nur dann und wann mit spitzen Fingern die angegilbten dünnen Bibelpapierseiten umblätterte.

Zum allwissenden Geschichtsorakel hat mich diese Besessenheit aber nicht gemacht, denn das allermeiste vergesse ich erstaunlich schnell wieder. Das Erfreuliche an dieser flüchtigen Haltbarkeit meines angelesenen Buchwissens ist, dass ich mich immer wieder aufs Neue über Werke zur britischen Geschichte freuen kann. Es gibt ja außerdem immer wieder neue Aspekte zu entdecken oder andere Sichtweisen zu verstehen. Und fast immer ist das Lesen nun einmal auch ein großes Vergnügen.

Das sollte es jedenfalls sein. Denn ich bin ja kein Berufshistoriker, sondern nur ein interessierter Laie, ein Lustleser.

Ich habe so weit ausgeholt, damit Sie besser nachvollziehen können, warum ich Michael Hochgeschwenders »Die Amerikanische Revolution« für kein gelungenes Buch halte: es ist nicht gut zu lesen. Es fehlt ihm an erzählerischem Schwung, an Esprit, an Zugänglichkeit.

Rein fachlich ist dieses Werk, soweit ich das als Laie beurteilen kann, nicht nur solide, sondern sogar hervorragend. Höchstwahrscheinlich hat vor Hochgeschwender noch kein deutscher Historiker eine so umfassende und zudem so unvoreingenommene Betrachtung des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges geschrieben.

Das Buch deckt alle nur denkbaren Facetten der Auseinandersetzungen ab, liefert Informationen, Quellen, Einordnungen, wie es erschöpfender kaum geht. Es räumt mit dem altbekannten Klischee von den unbarmherzigen britischen Unterdrückern auf und beleuchtet stattdessen die Motive und Zwänge aller am Konflikt beteiligten Parteien und Untergruppen. Sehr lobenswert ist auch die Entscheidung des Autors, die betrachtete Zeitspanne auszudehnen und auf der einen Seite den Siebenjährigen Krieg in Nordamerika und auf der anderen Seite die Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit einzubeziehen, denn so werden einige Zusammenhänge überhaupt erst klar. Und mit diesem erweiterten Blick kann Hochgeschwender dann abschließend auf die Entwicklung eines Nationalgefühls und einer nationalen Identität in den USA eingehen, aber auch auf die bleibenden inneren Widersprüche und Konflikte.
Kurz: auf die Geburt einer Nation, wie es im Untertitel des Buches heißt.

Ich behaupte, dass Hochgeschwenders Buch ein ganz großes Glanzstück deutscher Geschichtsliteratur hätte werden können. Hätte …

Leider aber ist dieses Werk aus meiner Sicht nicht nur fachlich hervorragend, sondern gleichzeitig ein Beleg dafür, dass große Gelehrte nicht automatisch große Schreiber und Erzähler sind.
Denn eines ist das Buch ganz gewiss nicht: ein Lesevergnügen.

Das geht damit los, dass der Autor wie so viele deutsche Akademiker allzu oft in ein sehr hölzernes Beamtendeutsch verfällt. Das verschlimmert er noch durch den für mein Empfinden übermäßigen Einsatz von Fremdwörtern. Ich frage mich immer wieder, woher dieser deutsche Hang kommt, Fachtexte mit gestelzten Wendungen und Fremdwörtern zu verkleistern – bei einem Abiturienten oder Studenten kann ich das mit der Mischung aus Unsicherheit, Unerfahrenheit und Geltungsdrang erklären, aber bei gestandenen Akademikern? Die müssen doch keinem mehr etwas beweisen. Und vor allem: welchen Sinn soll es denn haben, die eigenen Erkenntnisse, die man der Welt mitteilen möchte, möglichst unverständlich zu formulieren?

Wohlgemerkt: ich rede hier nicht von Fachausdrücken. Ich rede davon, dass in »Die Amerikanische Revolution« zigmal das Wort »exzeptionell« verwendet wird anstatt der naheliegenderen und zudem viel schöneren und nuancierteren Alternativen wie »besonders«, »ungewöhnlich«, »außergewöhnlich« oder »einzigartig«. Oder anstatt Wendungen wie »hebt sich ab von« und »sticht heraus«.
Warum muss es das hässliche »exzeptionell« sein? Warum an anderer Stelle immer wieder »emphatisch« (statt »mit Nachdruck« oder »entschieden«), warum »ingeniös« (statt »scharfsinnig« oder »erfindungsreich«)?
Möglicherweise Anglizismen, die hineingerutscht sind, weil der Autor logischerweise auf viele englischsprachige Quellen zugreift.
Aber hätte hier nicht ein gutes Lektorat eingreifen müssen?

Es geht aber noch viel gestelzter. So wird mir auf Seite 121 und später noch mehrmals ganz unvermittelt das Wort »Gravamina« um die Ohren gehauen, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Nun konnte ich mir dank Lateinkenntnissen und aus dem Kontext zusammenreimen, was der Begriff bedeutet, aber als Leser frage ich mich, was das soll und ob sich der Fachmann hier ein wenig über den Laien lustigmachen möchte.

Sie werden vielleicht sagen: Ja, das ist nun mal ein Fachbuch – du hast einfach nicht die notwendige Bildung dafür. Ist doch dein Problem und nicht das des Autoren.

Ich würde Ihnen da voll und ganz zustimmen, wenn nicht drei Dinge dagegen sprächen.

Zuallererst einmal richtet sich dieses Buch von seiner Aufmachung und vom Klappentext her nicht an ein eng begrenztes Expertenpublikum, sondern an interessierte Laien wie mich. Zweitens ist es eben nicht so, dass die schlechte Lesbarkeit durch echte Fachausdrücke entsteht, die nicht durch besser verständliche und vor allem stilistisch bessere Alternativen ersetzt werden können (siehe »exzeptionell«). Und schließlich ist es obendrein so, dass die gewollt gehobene Sprache nicht durchgehalten wird, sondern sich abwechselt mit umgangssprachlichen Wendungen, ja ganz unpassenden saloppen Flapsigkeiten auf der einen Seite und zahlreichen grammatischen und stilistischen Schnitzern auf der anderen.

Sie finden in diesem Buch bombastische, geradezu einschüchternde Stellen wie diese:

»Zu den protorevolutionären Topoi zählen etwa die Verherrlichung des Milizmythos, die Idee des Scharfschützen von der Grenze …«
(Seite 433)

»… ein Verfassungsstreit […], der die internen Aporien der revolutionären Koalition paradigmatisch widerspiegelte.«
(Seite 195)

»Er war perfektibel und mit ihm die gesamte Gesellschaft.«
(Seite 353)

Aber in genau demselben Buch stoßen Sie dann auch auf Stilblüten wie:

»Burgoyne hatte einen markerschütternden Sieg errungen.«
(Seite 237)

»… hing vollkommen von den Ratschlägen Chathams ab, der aber dank seiner Krankheit keine Ratschläge mehr geben konnte.«
(Seite 139)

»Vor allem aber ärgerte er sich maßlos über die […] chaotische, anarchische und instabile politische Ordnung …«
(Seite 363)

Sie finden Rückgriffe auf gehobene antiquierte Wendungen, die in einem modernen Buch aber mehr komisch als gehoben klingen:

»Der Ruf der Amerikaner nach der Entscheidung durch den Patriot King […] dünkte ihm aber an der Sache vorbeizugehen.«
(Seite 158)

»Eine Phase rapider struktureller und weltanschaulicher Transformation hob an.«
(Seite 429)

Und im selben Buch dann aber wieder saloppe Formulierungen wie:

»… die Delegierten des Kontinentalkongresses, geschockt, wie sie […] waren …«
(Seite 170)

»Obwohl Großbritannien […] nur mit angezogener Handbremse kämpfte, …«
(Seite 422)

Daneben finden sich inhaltliche Fehler und Ungenauigkeiten wie hier:

»Eine ganze Reihe von Importgütern aus Westindien, darunter Zucker und Rummolasse …«
(Seite 111 – gemeint ist doch Melasse, nicht Molasse – oder?)

»Dies alles ändert aber nichts daran, dass die Teilnehmer keine komplett desinteressierten, objektiven Sachwalter des Allgemeinwohls waren.«
(Seite 365 – abgesehen vom eher umgangssprachlichen »komplett« wurde hier offenbar das englische »disinterested« unpassend mit »desinteressiert« übersetzt)

»… eines niederen schottischen Adeligen …«
(Seite 363 – weder der Mann noch sein Schottentum sind ja »nieder«, er ist ein Schotte von niederem Adel – man spricht ja auch nicht von »hohen Künstlern« oder »zweiten Ligisten«)

Dazu gesellen sich nicht wenige grammatische oder stilistische Fehler und Flüchtigkeitsfehler, etwa:

»… die darauf brannten, sich […] im Felde zu bewehren …«
(Seite 171)

»… ja nach Lage der Dinge …«
(Seite 133)

»Einer der ersten Amerikaner […] was Thomas Jefferson.«
(Seite 334)

»… sowie das Niederbrennen und Plündern von deren Häusern und den Häusern ihrer Unterstützer …«
(Seite 160)

Und natürlich stößt man sehr oft auf etwas, das schon Gustav Wustmann in »Allerhand Sprachdummheiten« beklagt, nämlich die unnötige und oft sinnverfälschende Verwendung von »dieser« und »dessen« und die oft damit zusammenhängende abergläubische Angst vor Wiederholungen.
Etwa hier:

»… setzten er und die Regierung […] ein ganzes Bündel von Maßnahmen durch, das ausgerechnet die Rockinghamites selbst noch 1766 ausgearbeitet hatten. An deren Spitze stand der Revenue Act, …«
(Seite 138 – der Revenue Act steht natürlich nicht an der Spitze der Anhänger Rockinghams, sondern an erster Stelle des zuvor erwähnten Maßnahmenbündels)

Oder hier:

»Er zählte zu den interessantesten Persönlichkeiten unter den Revolutionären, dessen Bild von der Parteien Hass und Gunst, vor allem vom Hass, arg verzerrt war.«
(Seite 362 – hier wird es gleich doppelt schmerzhaft: zum einen hängt das »dessen« in der Luft und zeigt ins Leere, und zum anderen ging der folgende Nebensatz ganz daneben und ist kaum verständlich – es geht darum, dass das Ansehen des Mannes, von dem die Rede ist, und seine öffentliche Einschätzung durch Hass oder Gunst der Parteien verzerrt wurden …)

Auf den Seiten 106 und 107 tauchen sogar anderthalb nicht gerade kurze Sätze doppelt auf – an verschiedenen Stellen, Wort für Wort, ohne dass es beim Lektorat aufgefallen zu sein scheint.

Das alles gibt dem ganzen Buch etwas Unausgereiftes, Schwankendes.

Dieses Schwankende zeigt sich sinnbildhaft auch im folgenden kleinen Detail. Es gibt ein sehr lobenswertes Kapitel über die Rolle der Frauen in der Amerikanischen Revolution. Und im Kapitel über Tross und Lagerleben wird von Offizieren geschrieben, die »aus der gesellschaftlichen Oberklasse kamen und deren Wertmaßstäbe und Gendermuster reflektierten« (Seite 272). Auch »in hohem Maße misogyne, frauenfeindliche Lieder« (Seite 277) werden thematisiert. Ganz abgesehen davon, dass es hier um das 18. Jahrhundert geht und der Maßstab vielleicht nicht ganz angemessen ist, scheint es dann später im Buch mit der Gender-Empfindsamkeit nicht mehr ganz so dringend zu sein und man erfährt über Washington ganz lapidar: »Hysterische Frauen waren seine Sache nicht.« (Seite 313)

Ich habe die sprachlichen Schwächen (Schwächen aus meiner Sicht) nicht so ausführlich dargestellt, um mich über den Autoren lustig zu machen. Weit entfernt! Wie ich eingangs deutlich gemacht habe, hätte aus »Die Amerikanische Revolution« auch ein ganz großes Buch werden können. Fachlich ist es ohne Makel, soweit ich das überhaupt beurteilen kann.
Überdies gibt es ja da auch noch den Verlag und das Lektorat, die gerade bei einem Sachbuch eben auch für Lesbarkeit und Konsistenz sorgen sollten.

Nein, ich bin auf das Sprachliche so ausführlich eingegangen, um vor allem meine trotz des Lobs fürs Fachliche so schlechte Gesamtbewertung für dieses Buch nachvollziehbar zu begründen.
Und ich möchte hier außerdem mit meinen bescheidenen Mitteln allen Autoren und Verlagen, aber auch Dozenten und Rednern Mut machen, sich von der Vorstellung zu lösen, nur komplizierte Sprache sei »hohe Sprache« und nur schwer zu lesende Texte seien gehaltvolle Texte.
Wir sollten endlich Schluss machen mit dieser unseligen Unterscheidung zwischen »E« und »U« – im Bereich der Fachbücher zeigen deutsche Autoren wie Philipp Blom und jede Menge angelsächsischer Schreiber, wie es geht.

Zusammenfassend lässt sich meine Erfahrung mit dem vorliegenden Buch vielleicht am besten so beschreiben: ich fand es anstrengend, aber informativ. Ein Lesefluss hat sich bei mir nur ganz selten eingestellt, ein Lesegenuss nie – manchmal war ich bei der Lektüre sogar regelrecht ärgerlich. Wenn Sie das nicht abschreckt, wenn Sie kein Problem damit haben, sich auch einmal durch ein Buch »durchzubeißen«, und wenn Sie das Thema interessiert, dann greifen Sie zu – fachlich lohnt es sich auf jeden Fall.

  • Autor(en): Michael Hochgeschwender
  • Verlag: C.H.Beck
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2016
  • ISBN: 978-3406654428
  • Wertung von Andreas: 2/5

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