Simon Spruyt: Junker

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Ich überlege schon eine ganze Weile hin und her, wie ich diese Rezension anpacken soll. Hauptsächlich ringe ich mit zwei Schwierigkeiten: Zum Einen habe ich den Comic nur ein einziges Mal komplett durchgelesen. Das liegt daran, dass ich ihn nach dem Lesen sofort einem Freund ausgeliehen habe, und danach gleich der nächsten Person. Und mit »ausgeliehen« meine ich eigentlich »aufgenötigt«. Diese Buchbesprechung ist also aus der Erinnerung und ein wenig unscharf – das macht sie kurioserweise dem besprochenen Gegenstand um so angemessener.

Das andere Problem: Ich möchte wirklich nicht zu viel verraten.

In Junker schildert Simon Spruyt eine preußische Jugend am Vorabend des ersten Weltkriegs. Eine traditionsreiche Adelsfamilie, ein einbeiniger Kriegsheld von Vater, ein älterer, rebellischer Bruder, eine kränkelnde Mutter – sie umgeben die Hauptfigur, über deren Schulter man das Geschehen verfolgt: Familientraditionen, Kriegsgeschichten, eine Kadettenanstalt; Gefühlskälte und Jähzorn, das Zerbrechen an Erwartungen und die Qualen einer dysfunktionalen Familie. Eine geschossene Gans spielt, symbolisch aufgeladen, eine wichtige Rolle. »Ein preußischer Blues« lautet der Untertitel, und alleine schon die Farbpalette verdeutlicht: der Autor meint es ernst. Von jeder Seite leuchtet dem Leser fahl Preußisch Blau entgegen. Dass diese Geschichte nicht gut ausgehen kann, ist von Anfang an gewiss.

Dabei macht der Autor bereits auf den allerersten Seiten klar, dass man sich nicht auf die von den Zeichnungen vorgegaukelte objektive Realität verlassen darf. Die Erzählung setzt ein mit absurd überzeichneten Hünengestalten in Ritterrüstungen, die kleine Baumsetzlinge pflanzen – es ist die naive Wiedergabe eines Stücks Familienmythologie, wie sie sich der junge Protagonist vorstellt. Die gezeichnete Welt in diesem Band ist plastisch und hat auch Platz für Träume, Symbole und Metaphern: Mal thronen kleine Kadetten auf den Knien des titanisch aufgeblasenen Kaisers, mal gibt es Rüffel von lange verstorbenen Vorfahren, dann wieder treten die Tierkarikaturen einer Propagandazeichnung ins Bild.

Doch selbst die Tatsache, dass mit Ausnahme der zentralen Familienmitglieder praktisch alle vorkommenden Figuren als Gesicht nur einen schemenhaften weißen Fleck mit angedeuteten Augen und gespenstischem Grinsemund haben, feit nicht auf Dauer gegen die Verlockung der gezeichneten Wirklichkeit. Man akzeptiert sie als erzählerisches Mittel, bis schließlich irgendwann der Punkt kommt, wo man sagt: »Moment mal, das kann doch eigentlich nicht sein.« Und dann wird dieser Comic erst wirklich interessant.

Nachdem ich Junker das erste Mal gelesen hatte, hatte ich ihn beiseite gelegt. Ich war mir nicht sicher, ob das jetzt gut war, oder nur mittelmäßig, oder tatsächlich so gut, dass man erst eine Weile darüber nachdenken muss. Später am Abend habe ich dann den Schluss noch einmal gelesen. Und dann habe ich den Band meinem Bekannten aufgedrängt.

Soweit die eigentliche Rezension. Einen Punkt möchte ich aber noch bekritteln: So schön dieses Buch gemacht ist (die Parodie des preußischen Wappens auf der Rückseite ist für sich schon großartig), bei der Bindung hat der Carlsen-Verlag wieder einmal Mist gebaut. Zu den schönen, dicken Buchdeckeln hätte man sich wirklich noch eine Fadenheftung oder zumindest eine etwas flexiblere Bindung leisten können, statt der halsstarrigen Klebebindung, wie sie jetzt ist. So muss man den Band mit sanfter Gewalt aufgeschlagen halten und am Zuklappen hindern, und selbst dann wölben sich dem Leser die Seiten entgegen.

  • Autor(en): Simon Spruyt
  • Zeichner: Simon Spruyt
  • Verlag: Carlsen
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2016
  • ISBN: 978-3551763204
  • Wertung von Kai: 5 Sterne/5

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