Bill Bryson: One Summer: America 1927

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Im angelsächsischen Sprachraum scheint der Journalist und Schriftsteller Bill Bryson sehr bekannt und beliebt zu sein. Reiseberichte mögen etwas sein, das ihm ganz besonders liegt und womit er ganz besonders erfolgreich ist. Aber eigentlich schreibt er, wenn man sich so seine Liste an Veröffentlichungen anschaut, über alles.

Und genau dieses Interesse für alles mögliche um ihn herum, aber auch in räumlicher oder zeitlicher Ferne, genau dieses Interesse macht aus Brysons Rückblick auf den Sommer 1927 in den USA etwas, das viel mehr ist als nur eine Bestandsaufnahme. Bryson ist ein begnadeter Plauderer. Er kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, findet aber am Ende doch wieder zum Hölzchen zurück und wird dabei nie, nie langweilig.

Das Buch »One Summer« hat 626 Seiten Inhalt. 626 Seiten ohne Längen.

Bryson zieht uns im Plauderton in Windeseile in der Zeit zurück, hinein in die Vereinigten Staaten im Mai 1927, und lässt dann eine Welt um uns herum Gestalt und Farbe annehmen, von der zumindest ich selbst viel weniger wusste, als ich gedacht hatte.

Es ist die Zeit, in der sich Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks aufmachen, endlich die Überquerung des Ozeans im Flugzeug zu schaffen. Dieses Leitthema durchzieht Brysons Buch. Geschafft hat es als erster der bis dahin unbekannte Charles Lindbergh, der am 21. Mai seine »Spirit of Saint Louis« in Paris landete. Dieses Flugzeug, dem sich normale Menschen heute sicherlich nicht einmal für eine Schleife über dem Flugplatz anvertrauen würden, ziert auch das sehr schöne Umschlagbild der englischen Ausgabe des Verlags Black Swan.

Wir bekommen nach und nach einen guten Eindruck von der Größe dieser Leistung, denn im selben Jahr 1927 scheitern Dutzende andere Piloten und Teams beim Versuch der Atlantiküberquerung und bei anderen Pionierflügen. Nicht selten – eher in der Regel – bezahlen sie ihre gescheiterten Versuche mit dem Leben.

Bryson beschreibt nicht nur die technischen Gegebenheiten und die Leistungen der Piloten, nein, er lässt auch die Menschen mit ihren ganz verschiedenen Vorgeschichten und Charakteren, oft ganz ausgeprägten Macken, vor uns lebendig werden. Wir erfahren von Eifersüchteleien und Sportsgeist, von Tragik und Komik. Wir lernen natürlich vor allem Charles Lindbergh kennen und sehen, wie sein Flug sein eigenes Leben auf den Kopf stellt, weil er danach aufhört, als Privatmensch zu existieren, sondern fortan der Öffentlichkeit gehört. Und wir lernen, welchen Anstoß Lindberghs Flug der Branche gegeben hat. Die USA lagen, heute kaum mehr vorstellbar, bis 1927 im Flugzeugbau und gerade auch in der Nutzung des Flugzeugs weit hinter Franzosen, Briten, Italienern und Deutschen zurück. Erst mit der Begeisterung, die Lindbergh entfachte, änderte sich das.

Doch ich vergesse über der Fliegerei das, was dem Buch sein Herz und seine Seele gibt: nämlich Brysons Interesse für wirklich alles und jeden und für jede Facette des Lebens. Der Broadway und Hollywood mit ihren Stars, die große Mississippi-Flut, Baseball und Boxen, Bombenanschläge von Anarchisten und Verrückten, die Finanzwelt und Geschichten von Erfolg und Scheitern in der Wirtschaft, die Prohibition und ihre Folgen und auch alles andere, was die USA Mitte der Zwanziger ausmachte.

Einige Personen begleiten uns den ganzen Sommer – will sagen: durch das ganze Buch: Bryson stellt uns den Baseballspieler Babe Ruth vor, der mit seinen Homerun-Rekorden die Nation begeistert.

Babe Ruth’s home run record stood until 1961 […] let us just note in passing that even with the benefit of steroids most modern players still couldn’t hit as many home runs as Babe Ruth hit on hot dogs.

Auch Präsident Coolidge mit seiner Vorliebe für 4-Stunden-Arbeitstage und ausgedehnte Urlaube in der Provinz lernen wir kennen; wir treffen auf den Boxer Jack Dempsey, der 1927 einen berühmt gewordenen Kampf gegen seinen Rivalen Gene Tunney bestreitet; die Anarchisten Sacco und Vanzetti; »Shipwreck Kelly«, Meister im Sport des Pfahlsitzens; Al Capone und Mabel Walker Willebrandt, die ihn zur Strecke bringt; Henry Ford, der nicht das abgeklärte Genie ist, von dem wir in der Schule vielleicht gehört haben, sondern exzentrische Ideen hat und bis übers Scheitern hinaus verfolgt – und zudem erst durch die Klage des Anwalts Aaron Sapiro im Jahr 1927 dazu gebracht werden kann, von der Veröffentlichung judenfeindlicher Hetzartikel abzulassen.

Ja, auch die dunklen und ganz dunklen Seiten der USA der Zwanziger lässt Bryson natürlich nicht aus. Auf den Ku-Klux-Klan geht er ebenso ausgiebig ein wie auf die zahlreichen (durchaus angesehenen und gebildeten) Befürworter von Eugenik und Zwangssterilisierung von Trägern »minderwertiger Erbanlagen«.

Of all the labels that were applied to the 1920s – the Jazz Age, the Roaring Twenties, the Age of Ballyhoo, the Era of Wonderful Nonsense – one that wasn’t used but perhaps should have been was the Age of Loathing. There may never have been another time in the nation’s history when more people disliked more other people from more directions and for less reason.

Aber selbst diese düsteren Aspekte weiß Bryson in die Gesamterzählung einzugliedern, als Teile, die dazugehören. Er verschweigt uns auch nicht, dass sogar der Held Lindbergh später seinen Heldenstatus dadurch verlor, dass er allzuviel gut fand, was jenseits des Atlantiks in Deutschland gesagt wurde. Aber Bryson schwingt sich nie zum Richter auf. Er erzählt und lässt nichts aus, gar nichts, das Heroische nicht, das Tragische nicht, die großen und kleinen Schweinereien, das Menschliche und Allzumenschliche, die Abgründe – und auch und vor allem nicht das Absurde und Komische, das uns Menschen immer begleitet und vielleicht für unsere Existenz kennzeichnender ist als unser überschätzter Intellekt. Wenn Bryson über die Marotten, Launen, Neurosen und Besessenheiten der großen und kleinen Menschen schreibt, erreicht sein Buch für meinen Geschmack seine höchsten Höhen.

Ein wunderbares Buch, das ich auf jeden Fall noch einmal lesen werde!

Whatever else it was, it was one hell of a summer.

(Das Buch gibt es übrigens auch in einer deutschen Übersetzung.)

Schlagwörter:

Amerika, Geschichte, Sachbücher

  • Autor(en): Bill Bryson
  • Verlag: Black Swan
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2014
  • ISBN: 978-0552779401
  • Wertung von Andreas: 5/5

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