Serge Scotto, Éric Stoffel: Der Ruhm meines Vaters

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Beim gemächlichen Schlendern durch die Düsseldorfer Innenstadt entdeckte ich neulich das sehr empfehlenswerte Comic-Geschäft in der Oststraße. Der Einband von »Der Ruhm meines Vaters« fiel mir nach dem ersten Umschauen gleich ins Auge, er strahlte mir förmlich entgegen. Ich zögerte auch gar nicht lange mit dem Kauf. Nicht nur wegen der schon beim flüchtigen Durchblättern überwältigenden Qualität der Zeichnungen und der Farbgebung. Sondern weil es einfach so sein musste!

Es ist einer der ersten heißen Sommertage dieses Jahres, die Sonne strahlt vom blauen Himmel, die Tour de France steht vor der Tür, und hier stehe ich und halte eine Comic-Erzählung in den Händen, die wie ein einziges langes Lied auf die sommerliche Provence ist. Natürlich war dies das Buch, das ich kaufen musste.

Da mir der Name Marcel Pagnol zuvor noch nie begegnet war, verstand ich erst mit Verspätung, dass es sich bei »Der Ruhm meines Vaters« nicht um eine fiktive Geschichte handelt. Das Buch ist vielmehr Teil 1 der erstmals in Comicform wiedergegebenen Kindheitserinnerungen des französischen Schriftstellers und Regisseurs Marcel Pagnol.

Ob Sie den Werdegang und das Schaffen Pagnols kennen oder nicht, spielt aber gar keine Rolle. Es passiert gar nicht so wahnsinnig viel – kaum Handlung, die verstanden und im Lichte biografischer Details betrachtet werden müsste. Vielleicht ist dieses Comicalbum auch deshalb eine perfekte Sommerlektüre. Es versetzt Sie in diese schwebende Stimmung der großen Sommerferien Ihrer Kindheit. Wissen Sie, was ich meine? Diese ewigen Ferientage, bei denen es gar nichts Schlechtes war, wenn sie in großer Gemächlichkeit und Monotonie dahinglitten. Wenn ein Tag war wie der andere und Sie abends angenehm erschöpft einschlummerten, mit der Gewissheit, dass noch hundert weitere Sommerferientage auf Sie warteten.

Zu meiner Linken erhob sich der Gipfel des Taoumé, der so sehr mit Himmel getränkt war, dass sein blasses Blau wie verwaschen wirkte.

Zumindest ich habe »Der Ruhm meines Vaters« so gelesen und genossen. Wer dagegen eine richtige Geschichte lesen möchte, eine sich entwickelnde Handlung erwartet, vielleicht komplexe Konflikte und überraschende Wendungen, der wird mit anderen Graphic Novels besser bedient sein.

Wir erfahren ein wenig von der Herkunft von Pagnols Eltern Augustine und Joseph, darüber, wie sie sich kennenlernten und wie Marcel und später sein Bruder und seine Schwester zur Welt kamen. Wir lernen auch die Tante und ihren Mann kennen. Das alles geschieht in wenigen Bildern und Worten, und schon sind wir mit der Gesellschaft vertraut, die sich 1906 in die Aubagne aufmacht, um dort in einem angemieteten Haus inmitten der Natur den Sommer zu verbringen. Das Leben spielt sich draußen ab. Es wird unter einem großen Feigenbaum gegessen, schwadroniert und diskutiert; die Jungen spielen Indianer und entdecken – nicht immer zart im Umgang mit Kleingetier – die Umgebung. Schließlich soll es zur Jagd auf Kleinwild und die legendären Bartavellen gehen, und der elfjährige Marcel Pagnol wünscht sich nur zwei Dinge: dass er die Männer begleiten darf und dass sich sein Vater als Jagdanfänger nicht blamieren möge.

Die Luft war ruhig, die Schlucht füllte sich mit dem würzigen Duft von Thymian, Lavendel und Rosmarin.

Zeichnerisch ist »Der Ruhm meines Vaters« schlicht meisterhaft, und zwar durchgängig: jedes einzelne Bild ist ein kleines Kunstwerk. Auch die Gesichter und ihre Mimik, nicht selten Schwächen in ansonsten hervorragenden Comics, sind bemerkenswert gut gelungen. Die Farbgebung durch Sandrine Cordurié bewegt sich auf demselben hohen Niveau. Ein wenig fühlte ich mich manchmal an die späteren Asterix-Alben erinnert, als Uderzo seine Fertigkeiten zur vollen Entfaltung gebracht hatte.

Die Höchstnote vergebe ich nur deshalb nicht, weil ich auch bei meinen anderen Comic-Rezensionen die Erzählung stark gewichtet und streng bewertet habe. Auch wenn die Handlung für mich bei »Der Ruhm meines Vaters« nicht so wichtig ist, kann ich nicht ganz außer Acht lassen, dass das Album in diesem Bereich nicht so stark ist.

  • Autor(en): Serge Scotto, Éric Stoffel
  • Zeichner: Morgann Tanco, Sandrine Cordurié
  • Originaltitel: La gloire de mon pere
  • Verlag: Splitter-Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2017
  • ISBN: 978-3958395312
  • Wertung von Andreas: 4/5

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