Matt Ruff: Lovecraft Country

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Beim eiligen Kauf einer Reiselektüre in der Bahnhofsbuchhandlung könnte es dem Horrorfreund passieren, dass er dieses Buch wählt, ohne den Klappentext zu lesen. Zu eindeutig scheinen Titel und Titelbild. Doch der Horrorfreund wird sich mitnichten in ein halbfiktives Neuengland der 20er-Jahre versetzt finden, sondern in den Cadillac von Atticus Turner, unterwegs nach Chicago. Und zwar das Chicago des Jahres 1954.

Atticus Turner ist wie alle Hauptcharaktere des Buches ein Afroamerikaner, ein Farbiger – und damit jemand, der in den Geschichten von Howard Phillips Lovecraft überhaupt nicht vorkommt. Der Horror, mit dem Turner und alle später auftauchenden Protagonisten es in erster Linie zu tun bekommen, ist ganz real und alltäglich. Er spielt sich nicht in dunklen Krypten oder entlegenen Landstrichen ab, und die »Monster« sind auch keine mythischen Außerirdischen oder Unterwasserwesen. Der Horror ist vielmehr der Rassismus, der sich in Willkür, Benachteiligung, Verachtung und Gewalt äußert und mit dem Farbige wie Turner leben müssen.

Die Anspielung auf Lovecraft bleibt aber nicht bloße Metapher, wie der Freund des klassischen Horrors erfreut feststellen wird. Der Autor Matt Ruff tummelt sich gerne in verschiedenen Genres, wie wir im sehr lesenswerten Anhang erfahren. Und so mischt er in »Lovecraft Country« eine zweite Ebene hinein: spät erst und zunächst ganz vage tauchen Details und Personen auf, die aus dem zunächst von Ruff gesetzten Rahmen herausragen. Allmählich zuerst und dann mit einem jähen Ruck werden Atticus Turner und seine Verwandten und Freunde in eine ganz und gar fantastische Geschichte verwickelt. Ohne viel Federlesens werden sie und damit wir Leser mit Zauberern, Parallelwelten und kosmischen Schrecken konfrontiert, ganz nach Lovecraftischer Manier.

Nach und nach wird klar, dass Turner und die anderen als unfreiwillige Helfer und Strohmänner in einen Machtkampf der nicht ganz alltäglichen Art hineingezogen werden. Und es sieht nicht danach aus, als hätten sie eine Chance, aus der Rolle der »nützlichen Mohren« herauszukommen.

»Lovecraft Country« ist ein guter Roman. Nicht weniger, aber aus meiner Sicht auch nicht mehr. Ich habe das Buch tatsächlich als Zuglektüre gelesen und mich nie damit gelangweilt. Die Geschichte hat einige wirklich gute Momente. Ich selbst habe allerdings ihre zweite Ebene, die fantastische Lovecraft-Ebene, immer als konstruiert und angestrengt empfunden. Mich haben die Zauberer, die Geheimlogen, die Parallelwelten, das ganze Mystik- und Horrorfeuerwerk ganz und gar kalt gelassen. Nicht weil ich grundsätzlich nichts mit Phantastik und Horror anzufangen wüsste, ganz und gar nicht. Sondern weil ich diese Elemente in »Lovecraft Country« immer wie Fremdkörper wahrgenommen habe.

Die stärksten Momente dieses Buches sind für mich dementsprechend auch überhaupt nicht die Anspielungen auf Lovecrafts Universum. Packend und aufwühlend ist vielmehr, wenn Ruff schildert, wie ein farbiger Protagonist mitten in der Nacht auf einer einsamen Landstraße von einem (weißen) Polizisten angehalten wird und genau weiß, dass er diese Begegnung möglicherweise nicht überlebt. Oder wenn ich lese, wie Atticus Turner als Junge Pulp-Hefte verschlungen hat – Science Fiction, Horror und Abenteuer – und einen Fanclub gründete, auch wenn keine der Geschichten jemals einen schwarzen Helden oder gar Heldin hatte.

Es ist zum Glück nicht so, dass mir die Horror-Ebene das Buch vermiest hätte. Ich würde sie aber auch nicht vermissen. Oder besser: ich hätte eine etwas weniger dick aufgetragene Geschichte als fantastischen Erzählstrang mehr gemocht.

Ein wenig schade ist auch, dass das Buch mit einem für meinen Geschmack etwas zu zahlreichen Personal daherkommt und außerdem einige Male die Sprünge zwischen Zeiten und Orten recht abrupt und weit sind. Das macht den Roman stellenweise ein wenig »zerhackt« und episodenhaft. (Die einleuchtende Erklärung dafür gibt Matt Ruff im Interview im Anhang: er hatte »Lovecraft Country« ursprünglich als Plot für eine Fernsehserie begonnen.)

Das klingt jetzt vielleicht alles viel zu negativ. Daher noch einmal: ich habe »Lovecraft Country« gern gelesen. Das Buch hat mich nicht umgerissen, und es kommt nicht in meine ewige Hitliste – aber es ist ein solides, gutes Buch.

Ach, und eine Bemerkung noch zum Cover: das Buch sieht tatsächlich so aus. Wie eine schon zehnmal unter Freunden herumgereichte und zigmal gelesene Pulp-Schwarte aus der Sammlung des Atticus Turner. Eine originelle Idee der Gestalter!

Schlagwörter:

Amerika, Romane

  • Autor(en): Matt Ruff
  • Verlag: Harper Perennial
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2017
  • ISBN: 978-0062292070
  • Wertung von Andreas: 3/5

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