Jean-Michel Guenassia: Der Club der unverbesserlichen Optimisten

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Ich gehe in letzter Zeit gerne in Bahnhofsbuchhandlungen und schnappe mir Bücher, die mich ganz spontan ansprechen. Beim letzten Fischzug hatte ich den »Club der unverbesserlichen Optimisten« im Netz, denn ich hatte gerade Lust auf etwas Locker-Beschwingtes. Was könnte da besser sein als die Kombination aus Paris, Jugend, Rock’n’Roll, Liebe und Bistrophilosophen?

Dass ich mich von Titelbild und Klappentext an der Nase hatte herumführen lassen, wurde mir recht schnell klar. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass ich anfangs nicht so recht in den Roman hineinfand und ein wenig fremdelte. Vielleicht habe ich mich anfangs auch etwas an der hier und da nicht ganz glatten Übersetzung gestört (auch hier einmal wieder der überflüssige oder falsche Einsatz von »dieser« und »dessen« und manchmal unnötig geschwollene Wendungen und Begriffe wie zum Beispiel »lediglich« statt »nur« Seite an Seite mit flapsigen Wörtern wie »Penne«). Oder ich rieb mich daran, dass das Buch in der alten deutschen Rechtschreibung übersetzt wurde. Wer weiß?

Es ist auch egal, denn dieses Fremdeln legte sich sehr schnell. Bald hatte mich Guenassias Erzählung gepackt.

Wir begleiten den zu Beginn zwölf Jahre alten Michel durch das Paris von 1959 bis 1964. Insofern hat der Klappentext Recht. Auch der Rock’n’Roll spielt eine Rolle, allerdings handelt es sich nicht um ein »Entdecken der Welt des Rock’n’Roll«, Michels Leidenschaft gilt nämlich vielmehr der schönen Kombination aus Kickern (Tischfußball) und Lesen. Und das mit der ersten großen Liebe kommt erst ganz am Ende des Romans, lange, lange nachdem sich Michel zum »Club der unverbesserlichen Optimisten« gesellt hat.

Dieser Club besteht aus Männern, die ihre Heimat verlassen haben und in Paris im Exil leben: sie sind in den Staaten hinter dem Eisernen Vorhang in Ungnade gefallen oder glaubten sich in Gefahr. Sie kommen aus der Sowjetunion, wo unter Stalin die Alternative zur schnellen Flucht für gewöhnlich Verschwinden und Tod waren. Oder aus Ungarn, aus Polen, aus der DDR. Nur Gregorios aus Griechenland ist geflohen, gerade weil er bekennender Kommunist war und ist.

Sie alle haben ein gutes Leben hinter sich gelassen, die meisten von ihnen Akademiker, Kriegshelden, Bühnenstars. In der Fremde gelten sie nichts und leben vom Taxifahren und von Aushilfsarbeiten. Sie treffen sich im Nebenraum eines Pariser Bistros und verbringen ihre Zeit mit Schachspielen, oft schweigend, nur manchmal in kurze und heftige Streitigkeiten ausbrechend.

Die Kräche waren brutal, wie ein Orkan, der auf seinem Weg eine ganze Stadt zerstört […]. Tiefsitzende Konflikte, alte Verstimmungen Osteuropas kamen an die Oberfläche. Die Polen haßten die Russen, die sie verabscheuten, die Bulgaren verachteten die Ungarn, die sie ignorierten, die Deutschen verabscheuten die Tschechen, die wiederum die Rumänen verachteten, denen es schnuppe war. Alle hier waren staatenlos und im Unglück gleich. Sobald die Streithähne ihr Herz ausgeschüttet hatten, beruhigten sie sich wie durch ein Wunder und wandten sich wieder ihrer Schachpartie zu.

Guenassia spannt zwei Erzählebenen auf. In der eigentlichen Erzählung, im Hier und Jetzt des Romans, begleiten wir den jungen Michel und nehmen Teil an seinen anfangs ganz gewöhnlichen Freuden und Nöten eines Jugendlichen. Auf der zweiten Ebene schaltet Guenassia immer wieder Kapitel ein, in denen er uns die Vorgeschichten einzelner Mitglieder des Clubs erzählt. Wir erfahren von dem Arzt Igor, der Hals über Kopf aus Leningrad fliehen muss; von Tibor, dem ungarischen Filmstar, der mit seinem Akzent in Frankreich keine Chance hat; von Leonid, dem Piloten und hochdekorierten Kriegshelden, der als einziger freiwillig in den Westen gegangen ist; von Werner, der als »boche« in Frankreich besonders wenig willkommen ist.

Auch der Hauptcharakter Michel muss nach und nach erfahren, was es heißt, wenn die vertraute Welt um einen herum wegbricht und immer weniger Halt und Vertrauen bleibt. Das ist es meiner Meinung nach, was die beiden Erzählebenen verbindet: die ganze Erzählung dreht sich letztlich um den Verlust von Heimat in allen möglichen Spielarten. Vordergründig ist das natürlich der Verlust des Heimatlandes durch Flucht und Exil. Der väterliche Teil von Michels Verwandtschaft wiederum hat vor zwei Generationen die Heimat aufgegeben, um der wirtschaftlichen Not zu Hause zu entkommen und in der Fremde das Glück zu suchen. Und der mütterliche Teil fürchtet als »pieds-noirs« angesichts des Krieges in Algerien um das Zuhause, das sie sich dort geschaffen hat. Eine jüdische Familie kommt vor, die sich für die Alija nach Israel bereitmacht, also die Heimat Frankreich verlässt, um hoffentlich eine neue, die wahre Heimat zu finden. Aber Heimat sind ja auch Familie und Freunde. Wenn die Familie zerbricht, Freunde einen verlassen oder verraten, dann ist auch das ein Verlust an Heimat. In allen diesen Variationen wird das Thema durchgespielt.

Guenassia schafft es, diese vielen dunklen, oft tragischen Geschichten zu erzählen, ohne pathetisch oder sentimental zu werden oder die Protagonisten zu tragischen Helden zu überhöhen. Er erzählt einfach und klar, dadurch stark und überzeugend. Und er versteht es, immer auch Sonnenstrahlen ins Dunkel fallen zu lassen.

Wir entdeckten uns wie zwei verirrte Reisende, die sich auf einer einsamen Insel begegneten. Sie trug Blue Jeans und Tennisschuhe. Sie las »Aufbruch ins dritte Jahrtausend« und ich »Bonjour tristesse«. Ich hatte keine Chance.

Ein verdammt gutes Buch, das einem auch nach der Lektüre noch im Kopf hängenbleibt und das zu Recht mit Preisen bedacht und von den Kritikern gepriesen wurde.

Schlagwörter:

Coming of age, Exil, Frankreich, Romane

  • Autor(en): Jean-Michel Guenassia
  • Originaltitel: Le Club des Incorrigibles Optimistes
  • Verlag: Insel Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2012
  • ISBN: 978-3458358367
  • Wertung von Andreas: 4/5

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