Alan Moore: Providence Act 1

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Ich möchte vorausschicken, dass das hier besprochene Comic-Album als Sammelband die ersten vier Teile einer längeren Lovecraft-Reihe von Alan Moore und Jacen Burrows zusammenfasst und dass ich mich hier explizit nur auf diesen Sammelband beziehe.

Schon wieder Lovecraft, werden Sie möglicherweise denken, wenn Sie häufiger bei Svipp vorbeischauen. »Providence Act 1« ist in wenigen Wochen immerhin bereits das dritte hier besprochene Werk, das sich mehr oder weniger direkt auf den amerikanischen Horrorschriftsteller bezieht.

Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht sind Veröffentlichungen zu Lovecraft aber auch gerade präsenter als sonst, weil in diesem Jahr sein 80. Todestag war. Wir Svipp-Autoren haben uns da womöglich als leicht verführbare Käufer entsprechend oft verlocken lassen.

Ich mag die eher spröden Grusel- und Horrorgeschichten aus dem 19. und dem frühen 20. Jahrhundert sehr. Sie kommen meistens ohne Gewaltorgien aus, zumindest aber ohne eine ausführliche Schilderung blutrünstiger Details. Es wird eher mit Andeutungen gearbeitet, und der schmucklose Stil, in dem die Geschichten erzählt werden, gibt ihnen das Nüchterne und Sachliche des Berichts eines Wissenschaftlers oder eines Journalisten. Das kontrastiert wiederum schön mit den unheimlichen Dingen, die zum Besten gegeben werden, und verstärkt gleichzeitig ihre Wirkung.

Ich bin allerdings kein »Fanboy«. Den Wirbel, der immer mal wieder um Lovecrafts Geschichten veranstaltet wird, halte ich für hoffnungslos überzogen. Denn so dermaßen weltbewegend und bedeutend sind sie doch nun wirklich nicht. Es sind einfach ein paar ausgefallene Gruselgeschichten. Einige wirklich gut, einige ganz okay und nicht wenige – wenn man ehrlich ist – ziemlich öde und mäßig originell.

Das ist nicht schlimm. Ich mag große Klassiker, aber eben auch Literatur, die mich nicht mit tonnenschwerer Bedeutung erdrückt.

Warum diese umständliche Einleitung für die Besprechung einer nicht einmal besonders umfangreichen Comic-Novelle? – Weil ich Ihnen und auch mir selbst zu erklären versuche, warum ich anscheinend mit 90% der übrigen Leser und Kritiker nicht übereinstimme, die sich in allerhand Lob für »Providence« ergehen und den Autoren Alan Moore geradezu in den Himmel heben.

Ich stehe, nachdem ich »Providence Act 1« gelesen habe, recht ratlos vor dieser Euphorie. Ich konnte diesem Werk nämlich nichts, aber auch gar nichts abgewinnen.

Es geht schon bei Optik und Haptik los: ich mag einfach dieses mittlerweile allzuoft für Graphic Novels verwendete seidenmatte oder gar glänzende Papier nicht. Noch wichtiger aber ist, dass ich die Zeichnungen von Jacen Burrows für wenig gelungen halte. Verstehen Sie mich nicht falsch: der Mann versteht natürlich sein Handwerk, ich selbst bin als dilettierender Hobbyzeichner weit von seinen Fertigkeiten entfernt. Aber Burrows’ Zeichnungen fehlt etwas ganz Entscheidendes: Leben, Seele. Seine Bilder wirken alle sehr starr, sehr hölzern. Die Hintergrunde sind wie mit der Schablone gezeichnet, detailliert zwar und penibel ausgearbeitet – aber eben ohne Stimmung, eher wie technische Zeichungen oder wie Architekturentwürfe, die trotz aller modernen grafischen Hilfsmittel immer leblos und steril bleiben. Bei der Präsentation eines Bauvorhabens ist das durchaus in Ordnung, bei einer Comic-Erzählung eher nicht. Auch die Menschen, die Burrows zeichnet, bleiben puppenhaft und könnten aus dem Schaufenster eines Kaufhauses stammen. Man sieht kaum Mimik und Körpersprache. Und – für eine Publikation, die dermaßen gepriesen wird, erstaunlich – auch anatomische Fehler sind in einigen Panels zu sehen, bei Händen beispielsweise.

Und was nun die Geschichte angeht, so kann ich die Superlative, mit denen der Autor Alan Moore reichlich bedacht wird, in keiner Weise nachvollziehen. Zum einen ist der Kern der Geschichte ja nicht einmal von ihm selbst. Denn auch wenn Moore Lovecrafts Erzählungen nur als Grundlage benutzt, um daraus eine sehr eigenständige, freie Interpretation abzuleiten, so bleibt es doch dabei, dass er nicht den weiten Weg gehen musste, den ein Autor für eine ganz eigene Geschichte zurückzulegen hat. Zum anderen und vor allem aber ist das, was nun bei Moore als seine Version einer Lovecraft-Adaption herausgekommen ist, in keiner Weise besser oder wahnsinnig viel anders als das Original. Es ist eine mittelmäßige, reichlich langweilige Geschichte mit lauter farblosen Gestalten (den Hauptcharakter eingeschlossen).

In der Buchbeschreibung bei Amazon heißt es: »Alan Moore’s quintessential horror series has set the standard for a terrifying reinvention of the works of H.P. Lovecraft. It is being universally hailed as one of Moore’s most realized works in which the master scribe has controlled every iota of the story, art, and presentation. The result has been a masterpiece like no other and a true must-have addition to his essential works in the field.«

Starker Tobak.

Ein begeisterter Leser schreibt in seinem Kommentar: »Alan Moore with artist Jacen Burrows have produced one of the finest horror comics ever committed to paper.« Andere äußern sich ähnlich begeistert. Und bei Comic Book Roundup hat »Providence« eine Wertung nahe der Höchstnote.

Vielleicht haben die ja alle Recht. Vielleicht bin ich es ja, der danebenliegt und es einfach nicht kapiert hat.

Mein Verdacht ist aber eher, dass es ein kleines bisschen wie im Märchen »Des Kaisers neue Kleider« ist. Fans von Lovecaft oder Alan Moore werden diesen Comic-Band natürlich grundsätzlich freundlicher betrachten, was durchaus verständlich ist. Ich als Nicht-Fan sehe den Kaiser eben nackig und wundere mich über die anderen um mich herum.

Nun haben Alan Moore und Jacen Burrows angeblich nicht nur etwas künstlerisch noch nie Dagewesenes in die Welt gestemmt, sondern sich zusätzlich dadurch ausgezeichnet, dass sie das Ganze auch noch mit einer Metaebene versehen haben, mit einer kritischen Betrachtung des Menschen Lovecraft, seiner Homophobie und seines Antisemitismus.

Puh.

Wer gerne auch einmal in die Lebensläufe der Autoren schaut, die er liest, wird auch ohne das Comic-Album »Providence« gewusst haben, dass Lovecraft kein durch und durch guter Mensch war. Welcher Künstler, welche Künstlerin war oder ist das?

Aber ja: es ist legitim und leider, wie ein Blick in unsere Welt zeigt, immer wieder notwendig, homophobe, antisemitische, rassistische und andere menschenfeindliche Tendenzen aufzuzeigen, gerade wenn sie sich eher unterschwellig breitmachen.

Ich frage mich nur, ob da nun der – wie eingangs schon erwähnt – doch eher nicht so wahnsinnig bedeutende Horrorschriftsteller Lovecraft so richtig als Untersuchungsobjekt taugt. Zumal zu seinen Lebzeiten vermutlich leider 90% seiner Zeitgenossen homophob waren und nicht viel weniger antisemitisch. Vor allem aber frage ich mich, inwiefern nun Alan Moore tatsächlich etwas zum Thema beiträgt, inwiefern »Providence« den vollmundigen Absichtserklärungen etwas Substantielles folgen lässt.

In der Einleitung zu einem Interview mit Alan Moore wird gesagt: »For those who are H.P. Lovecraft fans, and have followed the tradition of scholarship and research that surrounds his life and works, you may well be aware that H.P. Lovecraft was vocally homophobic and anti-Semitic in his personal life and, to some extent in his writings. […] So it’s with great pleasure that I present this interview with Moore on the subject of Robert Black, a character who is revealed very early on in the series to be both gay and Jewish, and why Moore felt it not only appropriate but necessary that his protagonist should navigate life as an “outsider” in the year 1919 in a world of Lovecraft’s creation. Moore’s choices are particularly significant because the reader will be spending quite a lot of personal time with Robert Black in the comic.«

Ich sehe das nicht, jedenfalls nicht in »Act 1«. Ja, der Hauptcharakter Robert Black ist schwul, aber weil er uns eben nicht als Mensch nahekommt, bleibt diese Tatsache ohne weitere Bedeutung. Dass er Jude ist, wird erst spät klar und wird aber als Thema von Moore gar nicht weiter ausgearbeitet. Ich erkenne nicht, wo und wie sich nun die Kritik an Lovecraft und seiner Weltanschauung oder allgemein an der Gesellschaft zu seiner Zeit äußert. Es tauchen Hakenkreuze auf und Anspielungen auf den Holocaust. Aber die werden in einen Traum verpackt, der angestrengt verrätselt und reißerisch daherkommt und eben kein klares Zeichen aussendet. Auch den Bezug zur Rahmenhandlung konnte ich nicht ausmachen. Auf mich wirkte die betreffende Sequenz eher gewollt »krass und abgefahren«, so in der Richtung etwa, die ich mit Mitte Zwanzig mal bei Filmen von David Lynch toll fand (mittlerweile aber zum Gähnen). Das Thema Schwulsein wiederum wird auf eine eher pennälerhafte Verliebtheit des Hauptcharakters in einen Kriminalpolizisten reduziert. Und im bereits erwähnten Traum darf der geneigte Leser zwei entblößte Penisse bestaunen, die etwas verschämt und verdruckst und, wie alles in »Providence«, recht steril und anatomiebuchhaft präsentiert werden.

Die Themen Homosexualität und Homophobie werden in anderen Geschichten viel eindringlicher, viel glaubhafter und auch viel entschiedener bearbeitet (in »Rosa Winkel« von Michel Dufranne und Milorad Vicanovic beispielsweise), und die Themen Judentum, Antisemitismus und Holocaust erst recht (ganz spontan fallen mir im Comic-Bereich »Der Boxer« von Reinhard Kleist ein und die Werke von Will Eisner).

Ich wiederhole: vielleicht habe ich es einfach nicht kapiert und die wahre Tiefe der Anspielungen in diesem Buch nicht ermessen. Auch deshalb habe ich oben auf positive Stimmen verlinkt. Möglicherweise wird die Lovecraft-Reihe von Moore und Burrows mit den späteren Folgen auch besser. Ich werde das aber nicht erfahren, denn mein Bedarf ist gedeckt.

Mich hat »Providence Act 1« enttäuscht und vor dem Hintergrund der lautstarken Anpreisungen sogar verärgert.

  • Autor(en): Alan Moore
  • Zeichner: Jacen Burrows
  • Verlag: Avatar Press
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2017
  • ISBN: 978-1592912919
  • Wertung von Andreas: 1/5

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