J.G. Farrell: The Singapore Grip

am

Früher hatte ich den Ehrgeiz, jedes einmal angefangene Buch auch zu Ende zu lesen. Ach, die Stunden und Tage, die ich in diesen Abnutzungskriegen gegen Bücher geopfert habe, die schlicht nicht für mich gemacht sind!

Mittlerweile setze ich mich nicht mehr so unerbittlich unter Druck und genehmige mir, ein Buch auch einfach zur Seite zu legen, wenn es nach drei, vier Kapiteln mein Interesse nicht wecken konnte.

»The Singapore Grip« ist diesem Schicksal nur knapp entronnen. Allzu beschaulich und betulich waren mir anfangs die beschriebene Welt und ihre Bewohner. So sehr, dass ich mich immer wieder an Thackeray erinnert und in die von ihm so ausgiebig beschriebene viktorianische oder napoleonische Zeit versetzt fühlte anstatt in die Zeit zwischen 1939 und 1942. Ich musste mich ein ums andere Mal regelrecht wachrütteln und die Vorstellung von Rüschenkleidern, Zylinderhüten und Kutschen aus meiner Vorstellung verscheuchen.

Ich sage das nur für den Fall, dass es Ihnen beim Lesen vielleicht ähnlich geht und Sie schon im Begriff sind, das Buch gelangweilt zur Seite zu pfeffern. Es gibt Bücher, die einen fürs Durchhalten üppig belohnen, und nach meiner Meinung gehört »The Singapore Grip« dazu. Womöglich verleiht der gemächliche Einstieg den späteren dramatischeren Kapiteln durch den Kontrast nur umso größere Kraft.

Der Autor Farrell lässt im ersten Drittel des Romans das spätkoloniale Singapur vor uns auferstehen. Wir betrachten es durch die Augen des alteingesessenen Geschäftsmannes Walter Blackett und sehen mit ihm, was Händler und Unternehmer seiner Generation und ihre Vorgänger geschaffen haben – nach Blacketts Selbstverständnis aus dem Nichts geschaffen haben. Fortschritt und Wohlstand, durchaus auch für die Asiaten, haben er und sein Vater gebracht. Durch Blacketts Augen sehen wir aber auch Risse im Bild, Störungen, Fehler: Aufwiegler tauchen auf, Kommunisten, Nationalisten. Es gibt plötzlich Streiks, wo in der guten alten Zeit alles reibungslos und zum Gedeihen aller seinen ruhigen Gang nahm. Da ist vor allem der Krieg, der alles durcheinanderbringt und die Aussichten noch weiter verfinstert. Und zu allem Überfluss muss sich Walter Blackett eingestehen, dass er sich zum ersten Mal verspekuliert hat, in ganz großem Maßstab verspekuliert hat. Nein, es sind keine Zeiten, wie sie früher waren. Umso wichtiger, dass die ältere Tochter Joan endlich politisch klug unter die eheliche Haube gebracht wird.

Das Ziel der strategischen Verheiratungspläne des Geschäftsmannes ist der zweite Hauptcharakter des Romans, Matthew Webb. Er ist der Sohn von Walter Blacketts Geschäftspartner und kommt wie wir Leser als Fremder, als Neuling, als ahnungsloser Frischling nach Singapur und schleppt auch noch ein Reisegepäck aus idealistischen Vorstellungen und handfester Kolonialismuskritik heran. Mit anfangs großer Energie wirft sich Matthew Webb in das neue Leben, die neuen Aufgaben. Hier kann er vielleicht Dinge verändern. Er stürzt sich in Diskussionen und quält die Alteingesessenen mit seiner Debattierlust und seinen, wie sie es sehen, Spitzfindigkeiten aus dem Elfenbeinturm.

Doch die Energie des jungen Helden kommt nicht an gegen Singapur. Diese Stadt, diese fremde Welt packt ihn, wirft ihn nieder und nimmt ihn ordentlich in den Schwitzkasten.

Er lernt, bei der ersten Begegnung verwirrt von den neuen Eindrücken und einsetzendem Fieber, Vera Chiang kennen, halb Chinesin, halb Europäerin. Sie ist eine weitere Hauptperson, bleibt aber für uns Leser kaum zu fassen. Welche ihrer Geschichten sind wahr? Ist sie Hure oder Heilige? Mein Verdacht ist, dass sich Farrell mit der Figur Vera Chiang auch ein wenig über vom »Gelbfieber« geplagte männliche Leser lustigmacht.

Allein schon aus der Konstellation der Figuren zieht der Roman mehr und mehr Kraft und Farbe. Alles aber wird nun noch mehr verstärkt durch eine unerbittliche äußere Entwicklung, auf die keine der Hauptpersonen irgendeinen Einfluss hat: Ende 1941, mit dem Beginn des Hauptteils der Erzählung, führen die Japaner unter General Tomoyuki Yamashita ihren Malaiischen Feldzug und nähern sich unaufhaltsam und für alle Beobachter und Beteiligten überraschend schnell dem Ziel: Singapur.

Farrell schaltet immer häufiger Schilderungen von Kampfhandlungen ein oder führt uns die Kommandierenden auf Seiten der Briten vor und lässt uns an ihren Gedanken, Befürchtungen und Entscheidungen teilhaben. Vor allem aber lässt er uns an ihrer Menschlichkeit teilhaben. Brooke-Popham, Percival und die anderen erscheinen nicht als übermenschliche strahlende Helden. Sie sind unschlüssig. Sie sind müde. Oder einfach nur träge. Sie blicken eifersüchtig oder misstrauisch auf andere Befehlshaber. Sie fühlen sich unverdient geringgeschätzt oder vom Schicksal wie von einer hinter den Kulissen wirkenden Nemesis verfolgt. Wir sehen sie sich im Bett wälzend, während im Traum die großen Strategen von Clausewitz bis Liddell Hart um sie herumstehen und diskutieren, wie im Malaya-Feldzug zu verfahren sei. Wir sehen sie bei der morgendlichen Rasur, während der Nachbar schon ungeduldig an die Tür des Badezimmers klopft.

Und genau dieser ganz unpathetische Blick auf die Dinge und vor allem auf die Menschen ist es, was Farrells Buch aus meiner Sicht zu einem sehr guten Buch macht. Er malt nicht die Japaner als Teufel in Menschengestalt, nicht die Briten als glorreiche Helden (allerdings auch nicht als unbarmherzige koloniale Unterdrücker). Farrell beschreibt mit einer gewissen Distanz und tut das mit Tiefe und mit feiner und fein dosierter Ironie. Und das muss man erst einmal schaffen: eine Tragödie mit Ironie zu erzählen, ohne zynisch zu klingen. Farrell schafft es.

Und so ist es auch gar nicht unpassend, wenn mitten im sich anbahnenden Zusammenbruch der Neuankömmling Matthew nicht nur rätselt, warum man ihm den seltsamen Spitznamen »The Human Bean« verpasst hat, sondern auch anderen Geheimnissen der neuen Heimat auf die Spur zu kommen versucht, dem Geschlecht dieser verflixten Perserkatze Ming Toy etwa (ich musste laut lachen), vor allem aber der Bedeutung des geheimnisvollen »Singapore Grip«.

Die letzten Kapitel gewinnen nicht zuletzt durch diese liebevollen ironischen Einsprengsel ihre große Eindringlichkeit: wir sind mit den anderen Zivilisten in der Stadt gefangen, einer Stadt, die angesichts des heranrückenden Feindes und unter den zunehmenden Bombardements allmählich zerfällt.

Farrell beschreibt all das nicht mit posaunenuntermaltem Pathos und nicht mit tränennasser Sentimentalität, sondern mit einem traurigen Lächeln. Wir treffen nicht auf stahlharte Helden und Heldinnen. Es gibt keine heroischen Siege und keine ergreifenden Sterbeszenen. Wir stolpern mit den anderen zusammen durchs immer wirrere Durcheinander und überlassen uns mit ihnen immer mehr den Zufälligkeiten und den Notwendigkeiten der zusammenbrechenden Stadt.

Irgendwann in der Erzählung begegnet uns ein altersschwacher, kranker Hund, dem das Einschläfern droht. Er lebt eigentlich nur noch von Gnadenfrist zu Gnadenfrist. Sein neuer Adoptivherr verpasst ihm den schönen Namen »The Human Condition«.

Was soll man noch weiter sagen …?

  • Autor(en): J.G. Farrell
  • Verlag: W&N
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2011 (1978)
  • ISBN: 978-1857994926
  • Wertung von Andreas: 4/5

Weitere Bücher bei Svipp