S. C. Gwynne: Empire of the Summer Moon

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Guten Sachbüchern und Romanen ist eines gemeinsam: Sie erzählen Geschichten. Bei manchen Sachbüchern fällt dies lediglich stärker ins Auge. Empire of the Summer Moon von S. C. Gwynne verspricht im Untertitel eine ziemlich spannende Geschichte, nämlich die von »Quanah Parker und dem Aufstieg und Fall der Komantschen, dem mächtigsten Indianerstamm der amerikanischen Geschichte«. Das ist nicht wenig und klingt ziemlich spannend. Dazu blickt einem vom Umschlag noch der besagte Quanah Parker edel, wild und ein wenig melancholisch entgegen, und unten links prangt da noch ein goldenes Medaillon, das besondere Qualität verheißen soll: man habe einen Finalisten für den Pulitzer-Preis vor sich.

Wenn man ein wenig boshaft sein möchte, könnte man sagen: »Finalist« bedeutet am Ende nur, dass es für den Pulitzer-Preis doch nicht gereicht hat. Dabei hat dieses Buch Boshaftigkeit nicht wirklich verdient; es ist kein schlechtes Sachbuch. Es schummelt nur ein wenig mit seinem großspurigen Titel. Denn dass die Komantschen ein »Empire« errichtet hätten, könnte man von diesem umherziehenden Volk wirklich nicht behaupten, und die Sache mit dem Aufstieg kommt auch recht kurz. Hauptsächlich schildert der Autor einen Teil der sogenannten »Indianerkriege« im heutigen Texas und Oklahoma, und damit bewegt er sich auf dem ureigenen Terrain der US-amerikanischen Mythologie: Büffelherden, Llano Estacado, Pioniere; die Texas Ranger und die Drehpistolen von Samuel Colt, der Geistertanz und die Reservate, all das bekommt der Leser geboten.

Um nun aus der Geschichte eine Geschichte zu machen, bedient der Autor sich einer kleineren Episode als Aufhänger, wie ihn Karl May sich hätte nicht besser ausdenken können: Im Jahr 1836 überfällt eine Gruppe von Indianern ein »Fort Parker«, eine Art befestigter Siedlerhof, tötet die Pioniere und verschleppt einige Kinder und Jugendliche, darunter eine Cynthia Ann Parker. Diese verbringt 25 Jahre bei den Komantschen, wird die Frau eines Häuptlings und bringt drei Kinder zur Welt, bevor sie zu ihrem Unglück in die Welt der Weißen zurückgeschleppt wird. Eines ihrer Kinder heißt Quanah Parker und wird bekannt als ein war leader der Komantschen, die aus der Festung ihrer schier wasserlosen Hochebene vergeblich die vorrückenden Siedler zurückzudrängen versuchen. Am Ende führt er die unterlegenen Indianer in die Reservation und wird von der US-Regierung zum »Oberhäuptling« der Komantschennation bestimmt.

Das alles klingt sehr dramatisch und ist sicher nicht uninteressant, doch will dem Autor die epische Erzählung, auf die er abzielt, irgendwie nicht gelingen. Der Titel verspricht einfach zu viel. Was es mit dem »Reich des Sommermonds« auf sich hat, erfährt man etwa im Buch nicht. Statt dessen lernt man aber so einige interessante Dinge über die Komantschen und über andere nordamerikanische Indianer der zentralen Hochebenen, und man bekommt viele historische Geschehnisse nacherzählt.

Dabei bemüht sich der Autor sichtlich um einen reflektierten distanzierten Standpunkt zwischen den beiden Fronten der blutigen Auseinandersetzung, zwischen Pioniermythos und Indianerromantik. Die brutale, ganz auf Kriegsführung ausgerichtete Lebensweise der Komantschen wird nicht schöngemalt; auch bei Urteilen über die Gegenseite hält er sich nicht zurück (die Republik Texas insbesondere kommt selten gut davon). Und doch rutscht ihm bisweilen die Formulierung heraus vom schicksalsgewollten Vormarsch der Zivilisation; und doch werden die Greueltaten der »Weißen« kurz erwähnt, während die Greueltaten der »Roten« detailliert geschildert werden; und doch hat man bisweilen das Gefühl, der eigentliche Held des Buches ist nicht Quanah Parker, sondern der Texas Ranger John Coffee Hays. Die Komantschen erscheinen im Rückblick weniger mächtig als vielmehr ohnmächtig gegenüber der Walze der Geschichte, die über sie hinwegmalmt.

Bei allen spannenden Figuren, Geschehnissen, Einzelheiten, bei all den interessanten ethnographischen Fakten fehlt am Ende doch irgendetwas; das einheitliche Ganze will nicht recht gerinnen, die Erzählung hängt etwas in der Luft und hangelt sich an historischen Daten entlang.

Schlecht ist dieses Buch nicht; der große Wurf, den der Titel verspricht, ist es aber auch nicht. Wer wissen will, was es mit dem Geistertanz auf sich hat, warum es vor den Reservaten nie den einen Komantschenhäuptling gab, mit dem man hätte dauerhafte Verträge schließen können, wieso die Komantschen irgendwann doch Federn auf dem Kopf trugen, und was es mit dem Llano Estacado auf sich hat, dem kann man dieses Buch durchaus empfehlen. Nach dem Lesen habe ich das Buch schließlich doch ins Regal eingestellt, um es vielleicht irgendwann noch einmal zu lesen. Ich musste allerdings kurzdarüber nachsinnen, ob ich es nicht einfach wegschenke oder in der Bücherei in den Tauschschrank schiebe.

Schlagwörter:

Amerika, Geschichte, Sachbücher

  • Autor(en): S. C. Gwynne
  • Verlag: Scribner
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2010
  • ISBN: 9781416591061
  • Wertung von Kai: 3/5

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