Philipp Blom: Gefangen im Panoptikum

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Philipp Blom gehört nicht zu den schrecklichen Seitenprotzern, die es nie unter 900 Seiten machen. Er hat es bisher immer geschafft, auch komplexe Themen in Büchern von weniger erdrückendem Umfang abzuhandeln, und zwar erschöpfend und noch dazu gut lesbar.

Hier nun wird es vollends kurz und knackig: »Gefangen im Panoptikum« ist ein schmales Bändchen von nicht einmal hundert Seiten (und daher auch gar nicht mit festem Einband erhältlich).

Auch in anderer Hinsicht fällt dieses Werk aus der Reihe von Bloms bisherigen Veröffentlichungen heraus: während seine früheren Bücher schwerpunktmäßig Geschichtsbücher sind, wenn auch stets mit Ausflügen in die Philosophie, tritt er nun als kritischer Kommentator unserer Gegenwart auf. »Gefangen im Panoptikum« ist eine Streitschrift, die gerade Leuten wie mir und vielleicht auch Ihnen auf die Füße tritt: denen, die sich für Vertreter der Vernunft halten; denen, die die Mittel und die Freiheit haben, Missstände und Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft zu sehen, die sich aber jenseits von Brandreden im Freundeskreis (oder hier bei Svipp) doch recht gut eingerichtet haben und letztlich einfach nur hoffen, dass für sie selbst schon alles gutgehen wird.

Es geht um die Frage, was aus der Aufklärung geworden ist, dem Ideal einer von der reinen Vernunft bestimmten Gesellschaft und Welt. Wir haben »den eifersüchtigen und kurzsichtigen Gott der Bibel« (S. 25) herausgefordert und besiegt. Monarchie und Despotie haben wir ebenso überwunden wie extreme Ideologien. Sind wir nun angekommen in der idealen Welt? Sind wir Vernunftwesen geworden?

Natürlich nicht. Das wissen Sie und ich und jeder um uns herum. Im Gegenteil: macht sich nicht seit geraumer Zeit eher ein Eindruck von Auflösung breit? Von Untergang gar? Nimmt man nicht bei immer mehr Menschen und Gruppen einen Hang zum Rückzug aufs Private wahr, zum Wahrnehmen des eigenen Vorteils? Gut zu erkennen beispielsweise am heutigen Bio-Boom, der ganz anders als das Öko-Original der 70er und 80er nicht mehr eine andere Gesellschaft und eine bessere Welt im Sinn hat, sondern ein langes und möglichst beschwerdefreies Leben für sich selbst und die eigene Familie. Und natürlich geht es um Abgrenzung: um eine möglichst optimale Leistungsfähigkeit im Kampf um die Sonnenplätze und um Distinktion. Sich abheben vom Pöbel, der Wurst isst und seine Söhne blau und die Töchter rosa kleidet.

Rückzug aufs Private bei gleichzeitig zunehmender Durchschaubarkeit. Der Kopf schwirrt. Scheinen wir nicht bei aller behaupteten Selbstgewissheit rastloser und ratloser denn je? Reicht die reine Vernunft womöglich nicht zum Glück?

[W]ie umgehen mit diesen Wesen, die sich starrsinnig weigern, sich auf ihre physische Substanz […] und auf ihren Intellekt reduzieren zu lassen? Welche Art von Zusammenleben ist angemessen für diese seltsamsten aller Affen? Wie soll, wie kann das soziale Gebäude aussehen, in dem sie glücklich und vor allem friedlich miteinander leben können?

Blom schlägt einen Bogen von den Vorstellungen der Aufklärer des 18. Jahrhunderts über den Erfinder und Meister der modernen Werbung Edward Bernays bis zu unserer Welt des (freiwillig) gläsernen und in öffentliche Nabelschau versunkenen Menschen unserer Zeit. Er zieht dabei vor allem die architektonische Erfindung eines gewissen Jeremy Bentham als Gleichnis heran: einen revolutionären neuen Typ von Gefängnisbau, der nach Benthams Vorstellung auch für Schulen, Fabriken und andere Einrichtungen Anwendung finden und den rein rationalen – funktionierenden – Menschen erzwingen sollte. Das Panoptikum.

Wie jedes Buch von Blom ist auch »Gefangen im Panoptikum« inspirierend und sprachlich vom Feinsten. Und es breitet wieder eine Fülle von Details, Kuriositäten und Zusammenhängen aus Geschichte und Philosophie vor uns Lesern aus. Anders als seine anderen Bücher, die ich gelesen habe, fand ich diese Streitschrift aber streckenweise weniger klar. Besonders die ersten drei, vier Kapitel wirken recht fragmentiert. Ich wusste nicht recht, wohin der Autor mit mir eigentlich will. Es war alles interessant, keine Frage, aber zumindest mir fiel es schwer, die Fäden, die Blom spinnt, in einen Zusammenhang zu bringen, ein Ganzes daraus zu weben.

Später, wenn Blom sich mehr und mehr der Jetztzeit zuwendet, gewinnt das Buch aus meiner Sicht sehr an Fahrt und Richtung. Es wirkt, als habe der Autor ein wenig gebraucht, um sich warmzureden.

Die Diagnose, zu der Blom über uns Menschen kommt, ist nicht angenehm. Insbesondere weil Blom eben kein notorischer Nörgler oder Besserwisser ist. Rechnen Sie nicht mit einer Erlösung am Ende des Buches, mit einer Patentlösung oder einer Anleitung zum Glück. Den Abschluss bildet – eine schöne Idee – eine Kurzgeschichte, die dann zwar ein offenes Ende hat, aber immerhin ein Mut machendes.

Das Verdienst dieses Buches ist es nicht, alles besser zu wissen. Sein Verdienst ist es vielmehr, überhaupt Probleme und Fehlstellen im Bau unserer Gesellschaft zu erkennen und anschaulich zu beschreiben. Gerade in einer Zeit, wo es doch so hervorragend läuft beim Export-, Fußball-, Moral- und Urlaubsweltmeister, jedenfalls wenn man selbst noch im Rennen ist und mitmachen kann und nicht aus dem inneren Kreis geflogen ist, aus dem Panoptikum.

Wir sind Tiere, die soziale Hoffnung brauchen. […] Wir brauchen eine Geschichte, die wir zumindest in weiten Teilen gemeinsam haben, sonst würden wir wirklich im Krieg aller gegen alle leben, wie Hobbes angenommen hatte.

»Gefangen im Panoptikum« ist nicht das Beste, was ich von diesem Autoren gelesen habe, und es hat für den geringen Umfang einen stattlichen Preis – aber es ist immer noch zigfach besser als so verdammt vieles, was man sonst so liest an Betrachtungen, Kommentaren und Analysen zur gesellschaftlichen Realität und Zukunft.

  • Autor(en): Philipp Blom
  • Verlag: Residenz
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2017
  • ISBN: 978-3701734184
  • Wertung von Andreas: 3/5

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