Rüdiger Saß: Goldgräber

am

Was bei Rüdiger Saß gleich ins Auge springt, ist die Sprache, in der er schreibt. Technisch gesehen ist es Deutsch. Aber es ist ein zweimal durch den Wolf gedrehtes Deutsch. Mindestens zweimal.

Es sind nicht einzelne Wörter oder Wendungen, die Saß verballhornt und umkrempelt, so wie man es vielleicht von manchen Komikern, etwa Klassikern wie Heinz Erhardt, kennt. Nein, Saß begnügt sich nicht damit, hier und da erfundene und verkehrte Sprachschöpfungen als individuelle Farbtupfer oder Signaturen einzustreuen. Saß macht keine halben Sachen. Er rückt dem Deutschen mit einer manischen Akribie zu Leibe, die sich stellenweise in ihrer gnadenlosen Konsequenz nicht aus spielerischer Lust, sondern aus tiefer Wut zu speisen scheint.

Saß nimmt die deutsche Sprache auseinander, er trennt sie bis auf die kleinste Faser auf, prügelt dann mit einem Knotenstock darauf ein und fügt sie schließlich wieder zusammen. Was dabei herauskommt, ist nichts Poetisch-Zauberhaftes, nichts Zartes, sondern ein hinkender und knarzender Wechselbalg von Sprache, ein ganz und gar groteskes Frankensteindeutsch. Man möchte so tun, als sehe man es nicht, man will die Buckel und Narben und Warzen gerne ignorieren, doch die Faszination des Kuriosen ist zu groß und zieht den Blick an.

Unterarmdämpfe überwältigen die Hinterbänkler. Schweißschurken schubsen sie von den Klippen des Bewusstseins.

Über die sprachliche Oberfläche könnte man beinahe die Geschichte vergessen, die Saß erzählt. Es ist die Geschichte von einem Unternehmer aus »Nordteutonien«, der ins ferne »Pekinesien« reist, um für seine Firma eine milliardenschwere Ausschreibung an Land zu ziehen. Aus ins Extrem gesteigertem Geiz entscheidet er sich, die Reise nicht mit dem Flugzeug zu machen, sondern findet über die Mitfahrzentrale eine Autofahrgemeinschaft.

Das ist der Aufhänger des Romans. Er wirkt auf den ersten Blick unspektakulär und einfach. Erst mit ein wenig Verzögerung wird man sich der tiefen Absurdität bewusst, die sich schon hier auftut. Das meiste in dieser Geschichte ist bei aller Verschrobenheit in sich schlüssig und dadurch umso wirkungsvoller absurd.

Die Reise wird nach und nach zu einer fiebertraumhaften Odyssee. Immer neue Hindernisse sind zu überwinden, immer verlustreicher wird es, und nicht nur wir Leser, sondern auch die Helden scheinen den Sinn und Zweck der Fahrt irgendwann aus den Augen und aus dem Sinn zu verlieren.

Eines bleibt aber unverändert: die vollkommene Abwesenheit von allem Schönen. Zusammen mit der Fahrgemeinschaft schlingern wir durch eine trostlose Welt, in der alles grob und behelfsmäßig ist. Die Menschen heißen Born Bohunke, Mutter Mundgeruch, Bombatschka Brjitwu oder Jedro Koprolith. Wir treffen auf ein heruntergekommenes Paar, das eine Telefonkabine in der Post bewohnt. Es wird schlecht gegessen und schlecht getrunken. Es wird geschrien und gemordet. Nein, Sie werden nichts Schönes finden.

Währenddessen servierte Mutter Heringsgeschwüre im eigenen Saft, garniert mit Speisekalk, mit Weggeschnittenem von Kugelfisch und Seeteufel.

Es ist auch, wie schon angedeutet, gar nicht mal immer ein Vergnügen, die bis in den letzten Nebensatz durchgehaltene Sprache von Saß zu lesen. Nicht jede Wortschöpfung, nicht jede neue Wendung ist wahnsinnig originell oder witzig. Manchmal wird es geradezu quälend. Doch das ist vermutlich durchaus so gewollt. Saß hat mit seiner selbstgeschaffenen Sprache den idealen Ausdruck für das gefunden, wovon er schreibt.

Originelles und Komisches kommt aber durchaus vor, etwa die schöne Wortschöpfung »Faustfernsprecher«. Und immer wieder zeigt Saß, dass er nicht aus dichterischer Armut so schreibt, wie er schreibt, und streut Passagen ein wie diese umwerfende Schilderung von Plattenbauten im Ödland:

Ob Wahrschau, Mostkau oder Ulan Urga, überall Lochhäuser, Arbeiterknäste in Plattenbauweise. Sie sehen aus wie im Schneematsch, in Pfützen frierende, verdreckte Kinder, wie Gören, die sich nicht nach Hause trauen.

Zeigen Sie mir Zeilen von solcher Kraft in irgendeinem »Spiegel-Bestseller«!

Die traurige Pointe ist, dass diese hässliche, trübe Welt, die Saß in seiner Fiebersprache beschreibt, nicht eine reine Fantasieschöpfung ist. An vielen Stellen macht Saß politische und gesellschaftskritische Anspielungen, die uns bewusst werden lassen, dass die Welt, durch die der Autor uns führt und die wir wie durch eine verdreckte Windschutzscheibe sehen, vielleicht gar keine Erfindung ist.

Schlagwörter:

Humor & Satire, Romane

  • Autor(en): Rüdiger Saß
  • Verlag: Bench Press Publishing
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2005
  • ISBN: 978-3933649232
  • Wertung von Andreas: 4/5

Weitere Bücher bei Svipp