Erik Lorenz: Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer

am

Wenn man in einer Runde den Namen Liselotte Welskopf-Henrich fallen lässt, hat man mit der Reaktion der Umstehenden einen beinahe todsicheren Indikator dafür, ob sie in der DDR aufgewachsen sind oder nicht.

Während ihr Name im Westen so gut wie vollkommen unbekannt ist, wusste im Osten jede und jeder, dass Welskopf-Henrich die Schöpferin der Romanreihe »Die Söhne der Großen Bärin« war, eines der besten Werke der Jugendliteratur, die jemals über Prärieindianer des 19. Jahrhunderts geschrieben wurden. Das sage ich jetzt bewusst so ganz ohne Einschränkung.

Weniger bekannt ist ihr zweites Epos »Das Blut des Adlers«, ein deutlich umfangreicherer fünfteiliger Roman, der die Leser nach South Dakota in eine Indianerreservation der 1960er versetzt.

Es ist ganz erstaunlich, dass keines dieser beiden Werke im Westen jemals größere Bekanntheit erlangt hat, auch nach der deutschen Wiedervereinigung nicht. Die Bücher sind ideologisch unbelastet und bauen nicht nur auf tiefe Sachkenntnis und persönliche Anschauung auf, sondern sind auch verdammt guter Lesestoff.

Aber ich schweife ab, denn hier geht es um Erik Lorenz Buch über Liselotte Welskopf-Henrich.

Diese Biografie hatte schon lange auf meiner Liste »Noch zu lesen« gestanden. Der Artikel meines Svipp-Kollegen Kai über das Buch »Empire of the Summer Moon« erinnerte mich wieder daran und gab mir den Anstoß zum Kauf.

Ich war sehr gespannt – und dann schnell einigermaßen enttäuscht. Ich will dabei gar nicht ausschließen, dass ich vielleicht falsche Erwartungen an das Buch hatte. Für mich jedenfalls wäre es interessant gewesen, etwas über die Autorin zu erfahren, nicht nur biografische Eckdaten und Offizielles, sondern das, was den Menschen Liselotte Welskopf-Henrich, geborene Elisabeth Charlotte Henrich, ausgemacht, geformt und angetrieben hat.

Leider aber ist gerade der biografische Teil des Buches für meinen Geschmack viel zu kurz geraten und bleibt viel zu hastig und seltsam formell. Er hat streckenweise den Duktus und Charme eines Arbeitszeugnisses mit Sätzen wie:

Ihren Beruf als Althistorikerin übte Welskopf-Henrich mit Leidenschaft, Ehrgeiz und wissenschaftlicher Neugier aus.
(Seite 23)

Es ist alles überhaupt nicht uninteressant, was der Biograf Lorenz da zusammenträgt, und es ist offensichtlich, dass er viel Mühe und Sorgfalt in seine Recherchen investiert hat. Aber wie gesagt: mir fehlt einfach etwas. Mir fehlt, dass das Buch uns den Menschen, um den es geht, näher bringt. Nicht in voyeuristischer Wühlerei in privatesten Details, keineswegs, das meine ich nicht. Aber eine Biografie sollte große Wendepunkte im Leben der betrachteten Person nicht mit ein, zwei Sätzen abhandeln und anderes ganz überspringen.

So erfahren wir nur wenig darüber, wie die damalige Liselotte Henrich 1944 ihrem späteren Mann, dem Kommunisten Rudolf Welskopf, bei seiner Flucht aus einem KZ-Außenlager geholfen hat. Und was sie dazu bewegt hat. War es ein Impuls der Mitmenschlichkeit? War schon Liebe im Spiel? War sie bereits vorher schon gegen die NS-Behörden tätig gewesen?

Und vor allem aber: Wie ist aus der Referentin beim Statistischen Reichsamt eine Widerstandskämpferin geworden? Gab es literarische Einflüsse oder Vorbilder im persönlichen Umfeld? War sie allein? War für sie immer alles so klar und eindeutig und war sie immer so furchtlos und entschlossen, wie es sich in der Biografie liest?

Wie erfahren das nicht. Im Wikipedia-Artikel steht nur lapidar: »Ab 1938 nahm sie am Widerstand gegen den Nationalsozialismus teil. Ihren späteren Ehemann, den Kommunisten Rudolf Welskopf, versteckte sie 1944 bis 1945 vor dem Zugriff der NS-Behörden. Sie half ferner KZ-Häftlingen und wurde 1944 von der Gestapo verhört.« Und viel mehr gibt auch die vorliegende Biografie nicht preis. Dabei wäre das doch etwas, worüber ich gerne mehr erfahren würde. Es war damals ja nun nicht gerade eine Banalität, sich gegen das Regime und die Mehrheit zu stellen.

Mehr gelesen hätte ich auch gerne über Welskopf-Henrichs Haltung zur DDR, zu Regierung und Behörden. Auch hier erfahren wir nur sehr knapp, dass sie zwar enttäuscht von der entstehenden Realität des Sozialismus in der DDR war, sich aber, so scheint’s, ganz gut mit den Gegegebenheiten arrangierte. Was wiederum für sie als Privilegierte des Systems nicht so schwierig gewesen sein dürfte.

Es spricht einiges dafür, dass Welskopf-Henrich zu den zahlreichen überzeugten Kommunisten gehörte, die anfangs tatsächlich glaubten, im Osten an einer neuen, besseren Welt zu bauen. Dass sie keine bösartige Ideologin war. Immerhin lesen wir, dass sie nach dem ungarischen Volksaufstand 1956 und auch nach dem Prager Frühling 1968 verfolgten Schriftstellern und Künstlern aus diesen Ländern half.

Allerdings lesen wir seltsamerweise kein einziges Wort über den Volksaufstand 1953 in der DDR und Welskopf-Henrichs Reaktion darauf. Wie hat sie das eingeordnet? Wie hat sie sich hier positioniert? Sie wird ja immer wieder als couragierte, intelligente und unabhängige Frau beschrieben – war sie also möglicherweise 1953 noch durchaus einverstanden mit der harten Niederschlagung des Aufstands?

Als Prominente und Aushängeschild vom Regime geschätzt und nicht zuletzt durch ihre schriftstellerischen Erfolge auch finanziell unabhängig, konnte Liselotte Welskopf-Henrich das Ausland bereisen. Uns Lesern kam das zugute, weil sie damals auf Reisen nach Kanada und in die USA Kontakte knüpfte und Erfahrungen und Material sammelte, das ihrem zwischen 1966 und 1980 entstandenen Werk »Das Blut des Adlers« Substanz und Schärfe gab.

Sie lernte viele Indianer kennen und verbrachte viel Zeit mit ihnen, beteiligte sich sogar an Aktionen des American Indian Movement und setzte sich auch von Europa aus für sie ein. Dafür bekam sie von einigen ihrer Freunde den Ehrennamen Lakota Tashina verliehen.

Aber wieder frage ich mich hier, bei aller Achtung vor ihrem Werk und ihrem Einsatz, ob ihr tatsächlich nie die Frage in den Sinn kam, warum sie durch die Welt reisen konnte, der edle Proletarier der DDR sich aber mit Reisen nach Thüringen oder an die Ostsee begnügen musste (wenn er denn einen Urlaubsplatz ergattern konnte). Fragte sich Welskopf-Henrich das? Wie stand sie dazu?

Und warum der Kampf gegen die (nicht zu leugnende!) Marginalisierung und die Not der Indianer in den USA, aber kein Einsatz für die in Bautzen weggesperrten und misshandelten Landsleute und ihre drangsalierten Familien? Wie dachte sie darüber?

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: ich will hier weder Welskopf-Henrich postum mit Schmutz bewerfen (ich habe ja gar nichts Konkretes gegen sie vorzubringen), noch Erik Lorenz, dem Autoren der Biografie, irgendwelche absichtlichen Auslassungen oder Beschönigungen unterstellen. Ich urteile und kritisieren hier ausschließlich als interessierter Leser. Mich hätten all die genannten Dinge einfach interessiert! Gerade weil ich Welskopf-Henrich eine meiner liebsten Jugendlektüren verdanke.

Es gibt auch Privates, das mich interessiert hätte. Beispielsweise wurde Liselotte Welskopf-Henrich erst 1948, also mit bereits 47 Jahren, Mutter, in einem Alter also, das selbst heute bei zunehmend späten Elternschaften außergewöhnlich ist. Gab es damals Bedenken ihrerseits? Ihres Mannes, ihres Umfeldes? Wie war das? Wir erfahren es nicht.

Und sonst – wie hat sie getickt? Was waren ihre schwachen Seiten? Ich meine die wirklichen, nicht wieder in Stärken umgedeuteten Macken und Schwächen, die wir doch alle haben und die unser wackeliges Menschsein doch ausmachen?

Welskopf-Henrichs Umgang mit Kritik macht mich beispielsweise neugierig. Es scheint mir, als habe sie sich selbst noch als erfolgreiche Schriftstellerin und Wissenschaftlerin schwer damit getan, einen Widerspruch oder eine Kritik einfach einmal hinzunehmen, sondern habe sich darin aufgerieben, auf alles zu reagieren und jeden Widerspruch argumentativ zu entkräften. Ich kritisiere das nicht – ich finde es eben nur interessant. Es würde Liselotte Welskopf-Henrich unperfekter und damit nahbarer und realer machen als das Bild der stets souveränen, zielstrebigen, mutigen Frau, das zumindest mir als Leser die Biografie vermittelt hat.

Ein großer Teil des Buches befasst sich mit den beiden Hauptwerken Liselotte Welskopf-Henrichs: »Die Söhne der Großen Bärin« und »Das Blut des Adlers«. Erik Lorenz fasst die Handlungen beider Romanzyklen sehr ausführlich zusammen. Das ist gut gelungen, weil es für Kenner der Werke wie mich wie ein schöner Schnelldurchlauf ist, aber auch Leser, die die Romane nicht kennen, einen guten Überblick bekommen. Vor allem aber breitet Erik Lorenz hier eine Fülle an Hintergrundinformationen, Querbezügen, anzunehmenden und erwiesenen Einflüssen und Interpretationsmöglichkeiten vor uns aus.

In diesem – größeren – Teil des Buches scheint mir der Autor mehr in seinem Metier zu sein. Wäre das ganze Buch nicht als Biografie veröffentlicht worden, sondern als Werkschau, dann hätte ich genau so etwas erwartet, wie es Lorenz hier detailreich darbietet, und wäre nicht so enttäuscht gewesen. Auf dem Umschlag und im Titel bei Amazon steht aber: »Eine Biografie«.

Für die Werkschau würde ich durchaus vier Punkte auf der Svipp-Skala vergeben, für den biografischen Teil allerdings nur einen. Weil ich mir das Buch aber als Biografie gekauft habe, sind es nun unterm Strich zwei Punkte geworden.

Freunde der Indianerromane Welskopf-Henrichs sollten sich davon nicht zu sehr abschrecken lassen. Das Buch kostet ja nun wirklich kein Vermögen. Und leider ist davon auszugehen, dass es keine weitere nennenswerte Publikation über diese Autorin und ihr Werk geben wird. – Wer allerdings noch nie von Liselotte Welskopf-Henrich gehört hat, der wird sicherlich besser damit fahren, sich einfach erst einmal ihre Bücher zuzulegen.

Schlagwörter:

Biografie, Indianer, Sachbücher

  • Autor(en): Erik Lorenz
  • Verlag: Palisander Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2010
  • ISBN: 978-3938305140
  • Wertung von Andreas: 2/5

Weitere Bücher bei Svipp