Jürgen Kaube: Die Anfänge von allem

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Eine schöne Idee: ein Buch über Erfindungen zu schreiben, die keinem einzelnen Urheber zugeschrieben werden können und in den meisten Fällen noch nicht einmal einer bestimmten Zeit oder einem bestimmten Ort, die aber gleichwohl so bedeutend sind, dass sie geradezu unser Menschsein ausmachen.

Welche Menschen richteten sich als erste zum Gang auf zwei Beinen auf? Wer kam als erstes auf die Idee, Nahrung durch Erhitzen zu garen oder sogar aufwendig zuzubereiten? Sprechen, Schreiben, Zählen – wer hat’s erfunden und wo, wie, wozu? Auch über die Ursprünge von Malerei, Musik und Erzählung erfahren wir, ebenso wie über die Entstehung des Staates, von Recht, von Religion, von Geld. Und schließlich die Frage, wie es eigentlich kommt, dass wir Menschen im Gegensatz zu den meisten Säugetieren monogam – zumindest sozial monogam – leben.

Es ist ein wunderbar buntes Potpourri, das der Autor Jürgen Kaube uns hier auftischt, und ich denke mir, dass in diesem Buch eine gewaltige Menge Recherchearbeit steckt.

Insgeheim hatte ich zwar gehofft, auch von viel weniger schwerwiegenden und skurrileren Erfindungen lesen zu können. Ich wüsste zu gerne, welcher Draufgänger als erster auf die Idee kam, sich einfach auf ein Pferd zu setzen. Oder welcher Exzentriker beschloss, Absätze unter Schuhsohlen zu nageln. Irgendwer hat auch die Angel, den Lidschatten oder das Sitzen auf einem Stuhl erfunden. Aber ein solches bis ins Kleinste gehende Inventar wäre dann doch ein bisschen viel von dem Buch erwartet gewesen und hätte am Ende zu einem kaum zu bewältigenden zweitausendseitigen Ungetüm geführt.

Kaube also konzentriert sich auf einige wirklich weichenstellende Erfindungen der Menschheitsgeschichte.

Er tut das in erfreulich verständlicher Sprache, und immer wieder streut er auch mal eine augenzwinkernde Spielerei, gar einen Scherz ein. An die ganz hohe Erzählkunst, wie sie etwa Bill Bryson in »One Summer: America«, Philipp Blom in »Die Welt aus den Angeln« oder Niall Ferguson in »Empire« entwickeln, kommt Kaube mit seinem Werk zwar nicht ganz heran, aber das ist vermutlich auch fast unmöglich bei einem so breiten Themenspektrum.

Geschaffen hat Jürgen Kaube in jedem Fall ein gut zu lesendes Buch, das weit über bloße Faktenhuberei hinausgeht, indem nämlich in jedem Kapitel alternative Thesen aufgeführt und abgewägt werden. Kaube führt uns damit auch vor Augen, wie volatil das ist, was wir Wissen nennen, und dass das nie endende Korrigieren, Streiten, Verwerfen und Vertiefen etwas Wunderbares ist.

Passend dazu hält der Autor in seinem Nachwort ein ganz offensichtlich aus tiefster Seele geschöpftes Plädoyer für einen Begriff von Bildung und Wissen und vor allem ihrer Vermittlung, der eben nicht das Auswendiglernen von Zahlen oder ganz unvermittelt nebeneinanderstehenden Informationen propagiert. Vielmehr soll das Erkennen von Zusammenhängen in den Vordergrund gestellt werden, das wache Nachfragen und produktive Zweifeln.

Das Studium der Anfänge lehrt mithin, unabhängig davon, ob die jeweiligen Hypothesen sich halten oder nicht, dass nicht nur, nach einem berühmten Zitat, der Staat auf Voraussetzungen beruht, die er selbst nicht garantieren kann, sondern schlechterdings alles auf Voraussetzungen beruht, die es selbst nicht garantieren kann, die Pflanzenzucht so sehr wie die Religion, das Erzählen so sehr wie die Ehe.

Schlagwörter:

Geschichte, Sachbücher

  • Autor(en): Jürgen Kaube
  • Verlag: Rowohlt Berlin
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2017
  • ISBN: 978-3871348006
  • Wertung von Andreas: 4/5

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