Marina Lewycka: The Lubetkin Legacy

am

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie wenig Raum viele gute Romane benötigen, um uns ganz in ihre Welten hineinzuziehen und mit ihren Charakteren vertraut zu machen. Manchmal sind es Büchlein mit gerade mal hundert oder zweihundert Seiten. Es ist mit ihnen ein bisschen so wie mit manchen Bauwerken: nach außen hin von bescheidenen Dimensionen, überraschen sie uns Besucher, sobald wir duch die Eingangstüre treten, mit einer ungeahnten Luftigkeit und Finesse. »The Lubetkin Legacy« gehört zu dieser Gattung kleiner, feiner Bücher.

Marina Lewyckas Erzählung dreht sich um die Bewohner eines Wohnhauses in London, eines Nachkriegsgebäudes des Architekten Berthold Lubetkin, entstanden in einer Zeit, als eine Generation von Baumeistern, Politikern und Wissenschaftlern sich aufmachte, die Dinge anders anzugehen: mit Idealen und dem Ziel, die Welt ein wenig besser zu machen.

Wir wissen alle, dass solche Vorsätze allzu oft in die Hose gehen, zumal nicht alle Menschen dieselbe Vorstellung von einer besseren Welt teilen. Auch Lubetkins Vision von einer hochwertigen Architektur für die einfachen Leute, Häusern, die Gemeinschaft erzeugen und verstärken sollen, scheint ein idealistischer Traum geblieben zu sein, der längst von einer tristen Wirklichkeit abgelöst wurde. Das »Madeley Court« ist eines der von Lubetkin gebauten Wohnhäuser, aber es ist zum Zeitpunkt der Erzählung auch nur noch einer von vielen ähnlichen, heruntergekommenen Wohnklötzen, in denen jeder vor sich hinlebt, manche nur auf Durchreise, manche in völlig überfüllten Wohnungen (die sonst nicht bezahlbar wären), viele im Dauer-Clinch mit den Behörden, vor allem der Behörde, die Sozialwohnungen verwaltet und zuteilt, manche in Angst und Misstrauen vor den seltsamen Nachbarn. Der Aufzug stinkt nach Pisse, und im Namensschriftzug am Gebäude fehlen Buchstaben, so dass es nun schon seit einer Ewigkeit das »Mad Yurt« ist.

Hier lebt Berthold Sidebottom, ein Theaterschauspieler, der vom Schicksal nicht allzu gnädig behandelt wurde und nun als geschiedener, meistens arbeitsloser mittelalter Mann wieder bei der Mutter wohnt – die ihm dann auch noch wegstirbt. Wegen der strengen Richtlinien für die Vergabe von Sozialwohnungen drohen nun zwangsweiser Auszug aus der für ihn allein zu großen Wohnung oder Strafzahlungen wegen Unterbelegung. Zusätzlich tauchen Leute aus längst vergangenen Jahren auf, die Ansprüche anmelden. Es ist London: Wohnraum ist wertvoller als Gold. Und als sei das nicht genug, ist Berthold besessen davon, sich mit dem Berufskollegen George Clooney zu vergleichen.

Direkt nebenan im »Mad Yurt« lebt seit Neuestem Violet, eine junge Frau kenianischer Abstammung, die gerade eben einen vielversprechenden Job bekommen hat und im Gegensatz zum Nachbarn Berthold im Begriff scheint, die Lebensleiter schnurstracks nach oben zu klettern. So ganz schnurgerade verläuft dieser Weg aber auch nicht. Die alte Frage nach Moral und Brot kommt auf, und Violet scheint nicht der Typ zu sein, der sich achselzuckend ins scheinbar notwendige Übel fügt. Nebenher gilt es, im neuen Haus heimisch zu werden, die Avancen (durchweg älterer) Männer abzuwehren, das Essen der ganz seltsamen Nachbarn zu überstehen und schließlich die Hausgemeinschaft aus der Lethargie zu wecken, als die Behörden sich anschicken, … – na, ich will nicht zuviel verraten.

Marina Lewycka stellt uns nach und nach einen bunten, aber immer noch erfreulich überschaubaren Reigen ganz verschiedener, zum guten Teil mit recht ausgeprägten Schrullen ausgestatteter Menschen vor, die anfangs nichts weiter verbindet, als dass sie zufällig alle im »Mad Yurt« wohnen.

Die Ereignisse bringen es mit sich, dass diese Menschen plötzlich aus ihren Schneckenhäusern gezwungen werden und sich in einem »Team« wiederfinden. Hippieske Liebe pulsiert nun nicht plötzlich durch die nach Urin riechenden Flure, so blöde ist Lewyckas Geschichte ja eben gerade nicht. Aber immerhin deutet sich doch ganz zart an, dass der Traum des Architekten Lubetkin von einem durch Architektur beförderten Gemeinschaftssinn nicht ganz irreal gewesen sein könnte.

Die Autorin erzählt eine einfache, geradlinige, kleine Geschichte. Und wie ich im Teaser zu dieser Besprechung schon gesagt habe, verbindet sie dabei die großen und kleinen Tragödien des Lebens ganz normaler Alltagsmenschen mit dem Komischen und Skurrilen, das unser Menschsein eben auch ausmacht.

Leider, leider aber setzt die Autorin nicht rechtzeitig einen Schlusspunkt. Es gibt einen Zeitpunkt in der Romanhandlung, an der zumindest nach meiner bescheidenen Meinung die Geschichte zu Ende ist. Einige Entwicklungen wären offen, nicht so allerdings, dass man als Leser unbefriedigt zurückbliebe, sondern dazu einladend, nach der letzten Seite noch ein wenig nachzusinnen. Ich würde diesen Zeitpunkt für das bessere, natürliche Ende des Romans nach etwa 250, 260 Seiten ansetzen.

Marina Lewycka hat aber weitergeschrieben. Und zwar nicht nur ein paar Seiten, sondern satte hundert. Selbstverständlich schreibt sie jetzt nicht plötzlich weniger elegant und weniger humorvoll. Das lässt sich weiterhin alles wunderbar lesen. Es ist nur eben so, dass alles, was sich nun im letzten Viertel des Romans abspielt, wie »drangeschrieben« wirkt. Es gibt neue Handlungsstränge und -orte, die für sich selbst das Zeug für einen eigenen Roman hätten und nun aber recht atemlos und gedrängt abgehandelt werden. Anderes wird wiederum allzu breit ausgewalzt. So kommt es zu Verkürzungen und Simplifizierungen einerseits und zu einem Übermaß an finalen Wendungen und Fügungen andererseits. Und aus meiner Sicht rutschen Marina Lewycka hier plötzlich auch Dinge in die Erzählung, die sie im ersten Teil, also dem eigentlichen Kernroman, erfreulicherweise vermieden hat: die ganz großen Probleme der Welt rücken plötzlich ins Bild, so als habe die Autorin das Gefühl gehabt, ohne sie hätte die Erzählung zu wenig »Gewicht«, zu wenig »Gehalt« gehabt. Und es wird auch plötzlich sentimental und stellenweise süßlich, und die Wendungen geraten allzu atemlos und unwahrscheinlich.

Es ist ein bisschen so wie auf einer großen Party. Wissen Sie: wenn irgendwann in den Morgenstunden alles vorbei ist. Die alten Paare sind eh schon lange weg; die Paare, die sich neu gefunden haben, sind auch irgendwann verschwunden oder sitzen engumschlungen in den schummrigen Ecken und Nischen und spinnen schon längst an neuen Geschichten; die Partysäue und Draufgänger sind zu den Clubs weitergezogen, wo noch etwas los ist, oder liegen bereits im alkoholischen Nirvana irgendwo auf einem ranzigen Sofa oder lehnen an der Wand, wo sich’s gerade traf. Die Party war fantastisch, aber sie ist vorbei. Nur zwei machen weiter. Einer gibt unermüdlich den DJ und fährt alles auf, was er auch an abseitigen musikalischen Geheimtipps so draufhat. Keiner mehr, der ihn um Massen- und Tanztaugliches bittet. Und der andere ist weiter auf der Tanzfläche unterwegs, ein wenig unsicher auf den Beinen, die Flasche schalen Biers in der Hand, und will die Party niemals enden lassen. Es war doch so schön.

Ich meine es gar nicht böse. Ich liebe die Freaks, die das Ende nicht mitkriegen. Ich möchte nur beschreiben, wie es mir mit dem letzten Teil von Lewyckas Buch ging.

Vielleicht sehen Sie das ja anders. Es ist auch gut möglich, dass ich hier den falschen Maßstab an einen Roman anlege, der durchaus auch als reine Satire gelesen werden kann, und dass ich einfach nicht geschnallt habe, dass die Autorin am Ende ihren eigenen Roman ein bisschen auf die Schippe nimmt und alles in einem spielerisch übertriebenem Feuerwerk enden lässt. Aber ich glaube doch, dass ich nicht so ganz danebenliege.

Ist aber alles auch gar nicht so bedeutend und tragisch, denn meine Kritik ist ja eine an einem wirklich hervorragenden Roman und entsprechend spitzfindig. Daher gibt es auch vier Punkte von mir, denn »The Lubetkin Legacy« wird Sie aufs Beste unterhalten, und ich für mein Teil werde es sicherlich noch einmal zur Hand nehmen (eines meiner Kriterien für eine 4er-Wertung)!

  • Autor(en): Marina Lewycka
  • Verlag: Fig Tree
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2016
  • ISBN: 978-0241249215
  • Wertung von Andreas: 4/5

Weitere Bücher bei Svipp