Rummelsnuff: Rummelsnuff – Das Buch

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Freund Grischa hatte früher einmal einen Plattenladen. Ich meine so einen richtigen Schallplattenladen: in einem lauschigen Innenhof, mit altmodischer röchelnder Kaffeemaschine, unhippem Teppichboden, erlesener Hardware zum Reinhören und einem Inhaber, der wie ein wandelndes Lexikon auch zu den kleinsten musikalischen Nischen etwas sagen konnte. Einen Laden, der lange vor der Wiederauferstehung des Vinyls aus Leidenschaft gegründet worden war. Lang ist’s her.

Freund Grischa macht heute etwas ganz anderes. Allzu karg und unstet war das Einkommen aus so einem Plattenladen, eine Familie bringt man damit nicht durch. Seine Liebe für alles Musikalische hat er sich aber bewahrt. Und gerne zieht er mich mit meiner Banausenhaftigkeit in Sachen Musik auf und sieht mich eher in der Ecke »anspruchsloses Geschrammel«. Er hat ja nicht mal ganz Unrecht damit. Selbst in Bereichen, in die ich freiwillig reinhöre, er aber nur aus professionellem Forscherdrang, hat er mehr Überblick als ich. Ich höre beispielsweise ab und an auch mal EBM und anderes Elektrozeug. Aber von einem Musiker und schrägen Vogel namens »Rummelsnuff« hatte ich noch nie gehört.

Freund Grischa hat neben seiner Liebe zur Musik ein großes Herz für Freaks und schrille Außenseiter. Die Musik von Rummelsnuff hat er für sich selbst schnell als nicht weiter der Rede wert abgehakt, den Typen hinter der Musik fand er aber so faszinierend, dass er sich seine Biografie kaufte und mit Begeisterung las. Denn Roger Baptist alias Rummelsnuff ist nun wirklich ein schillerndes Original jenseits aller Konventionen und damit ganz nach dem Geschmack von Freund Grischa.

Als Anstoß zur kulturellen Weiterbildung knallte mir jener dann vor einigen Wochen das Buch »Rummelsnuff« auf den Kneipentisch. »Das musste lesen!«

Da saß ich nun also mit der Biografie eines mir völlig unbekannten Bodybuilders, Musikers und Szene-Originals, das ein bisschen aussieht wie eine Mischung aus Hans Albers und dem Höhlentroll in »Der Herr der Ringe«.

Das Buch entpuppte sich als eine kurzweilige Lektüre, schön gestaltet und reich mit Fotos bebildert noch dazu. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, dass der Autor über sich selbst in der dritten Person schreibt, dann liest man sich schnell fest und kann sich einer gewissen Faszination nicht entziehen. Allzu selten sind Werdegänge wie die von Roger Baptist in Zeiten glatter Lebensläufe und optimierter Profile geworden. Vielleicht ist die Geschichte des Rummelsnuff typisch für die 90er-Jahre, speziell den Osten in dieser Zeit. Alles im Umbruch, alles ungewiss, aber auch alles offen.

Für Baptist war das ein fruchtbares Umfeld, zumal er bereits zu DDR-Zeiten nicht den Konventionen gefolgt ist, sondern als Punk unterwegs war. (Erstaunlich übrigens auch, wie sich ein Mensch durch den Kraftsport verändern kann. Der jugendliche Roger ist in dem Rummelsnuff zwanzig Jahre später kaum noch zu erkennen.)

Die Einzelheiten zur Arbeit im Studio oder zur Entwicklung seiner Musik waren für mich – Banause, der ich bin – eher weniger interessant. Am meisten beeindruckt haben mich die Erzählungen aus Roger Baptists Jugend in der DDR und später von seiner beharrlichen Suche nach seinem Ding, von der er auch nach Schwierigkeiten und Fehlschlägen nicht abließ. Wie bereits gesagt: das sind Geschichten, die auch deshalb so faszinierend sind, weil es sie so wahrscheinlich nicht mehr gibt.

Sehr angenehm und sympathisch ist, wie dezent der Autor mit seiner Zeit als Türsteher im Berliner »Berghain« und vor allem mit dem Thema Sexualität umgeht. Anstatt für ein besseres Marketing des Buches mit ein paar Skandälchen und »anrüchigen« Details aus der Szene und seinem eigenen Leben aufzuwarten, hält sich Baptist mit einer Feinfühligkeit und Schüchternheit zurück, die man angesichts seines wuchtigen Äußeren vielleicht nicht vermutet hätte.

Schön und einleuchtend auch die Erklärung des Autors, wie es zum Faible für den Kraftsport kam:

Um Rogers Hang zur körperkulturellen Gestaltung nachzuvollziehen, begeben wir uns noch einmal in seine Kindheit, als jeder Gojko Mitić kennt. Was für ein Held, immer bei den Guten! Und Gojko muss fast nie Oberbekleidung tragen.

Kleingeister werden das wieder als Ostalgie abtun, aber wen juckt’s? Jeder, der als Junge im Osten aufwuchs, wird dem Autoren beipflichten: den besseren Winnetou gab es östlich des Eisernen Vorhangs! Jeder wollte beim Spielen »Gojko« sein. Aber um es ganz deutlich zu machen: das Buch hat nichts Ostalgisches an sich. Die Jugend in der DDR gehört nur eben auch zur Biografie dieses Künstlers, der regionale und nationale Grenzen schon lange, lange hinter sich gelassen hat.

Ob das alles nun lesenswert ist, wird für Fans von Rummelsnuff gar keine Frage sein. Für Nichteingeweihte wie mich ist es keine literarische Offenbarung, keine »Muss-Lektüre«. Aber lassen Sie es mich so sagen: was ich zuerst eher als amüsante, Papier gewordene Freakshow zur Hand genommen habe, entpuppte sich als ein freundliches kleines Buch über die ungewöhnliche Geschichte eines überaus vielschichtigen Menschen und Künstlers.

Schlagwörter:

Biografie, Musik, Sachbücher

  • Autor(en): Rummelsnuff
  • Verlag: Neues Leben
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2017
  • ISBN: 978-3355018562
  • Wertung von Andreas: 3/5

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