David Eagleman: Sum – Forty Tales From The Afterlives

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Was im ersten Moment nach dem Regal »Nahtoderfahrungen« des Esoterikladens klingen mag, sind in Wirklichkeit Geschichten mit skurrilen, immer raffinierten Jenseits-Ideen des amerikanischen Neurowissenschaftlers David Eagleman.

Vor ein paar Jahren hatte P. mir das Büchlein mit seiner Empfehlung zum Geburtstag geschenkt, neulich hatte ich es mal wieder in der Hand. Und wie großartig Sum ist! In jeder der vierzig, meist nur zwei, drei Seiten kurzen Geschichten steckt mehr Kreativität und Geist als in den sog. heiligen Büchern mit ihren einfallslosen Vorstellungen von Qualen im Höllenfeuer oder der Erfüllung feuchter Träume im Himmel.

Bei Eagleman sprüht, frei nach Bugs Bunny, der Menschenwitz: es wird das Jenseits rückwärts gelebt; in Blöcke wie Nägelschneiden, Sex oder Toilettengang geteilt; es sitzt Frankenstein-Erfinderin Mary Shelley auf dem Himmelsthron, einen gefrusteten Schöpfer stellvertretend; Bewusstseins-Bots kommunizieren ewiglich miteinander; oder »Gott« sind bloß alles zersetzende Mikroben:

So although we supposed ourselves to be the apex of evolution, we are merely the nutritional substrate.

Weil es mit Schwäche, Bedeutungslosigkeit und Unvermögen des Menschen spielt, veralbert das Buch die gängigen Jenseitsvorstellungen und somit die der Religion innewohnende Verbindung »eines Höchstmaß an Unterwürfigkeit mit einem Höchstmaß an Solipsismus«, wie Christopher Hitchens mal schrieb. Vor allem aber: es unterhält auch prächtig.

Meine Lieblingsstelle stammt aus der Geschichte Circle of Friends, die ein Jenseits beschreibt, in dem man nur noch auf Menschen und Dinge trifft, die man auch im Leben um sich hatte:

You wonder what’s different as you saunter through the vast quiet parks with a friend or two. No strangers grace the empty park benches. No family unknown to you throws bread crumbs for the ducks and makes you smile because of their laughter. As you step into the street, you note there are no crowds, no buildings teeming with workers, no distant cities bustling, no hospitals running 24/7 with patients dying and staff rushing, no trains howling into the night with sardined passengers on their way home. Very few foreigners. […]

The missing crowds make you lonely. You begin to complain about all the people you could be meeting. But no one listens or sympathizes with you, because this is precisely what you chose when you were alive.

Erstaunlich, dass dieser Bestseller noch nicht in deutschsprachiger Übersetzung erschienen ist.

  • Autor(en): David Eagleman
  • Verlag: Canongate Books
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2009
  • ISBN: 978-1847674272
  • Wertung von Dirk: 5/5

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