Nancy Isenberg: White Trash

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Aus unserer europäischen Sicht mögen die Dinge, über die Nancy Isenberg schreibt, nicht so wahnsinnig überraschend sein. Wir wissen um die Jahrhunderte von Feudalismus, Ständegesellschaft und Leibeigenschaft. Wir wissen von der verzweifelten Lage des städtischen Proletariats seit Einsetzen der Industrialisierung.

Für das Selbstverständnis des US-amerikanischen Publikums, an das sich »White Trash« eigentlich richtet, dürfte dieses Buch deutlich mehr Reibungsfläche bieten. Denn zu diesem Selbstverständnis gehört die Theorie von der amerikanischen Ausnahmestellung (American exceptionalism). Diese Theorie geht, stark verkürzt gesagt, davon aus, dass die Kolonien durch die Revolution mit einem Schlag das europäische Erbe von Aristokratie und Monarchie abgestreift haben und die Entwicklung des neuen Staates fortan vollkommen eigenständig gewesen sei, wodurch sich Maßstäbe und Erkenntnisse aus der europäischen Geschichte nicht mehr anlegen ließen.

Einer der ganz wesentlichen Pfeiler dieses ideologischen Gebäudes ist die These von der sozialen Chancengleichheit und Mobilität.

Und genau diesen Pfeiler bringt Nancy Isenberg gehörig ins Wanken. Sie schreibt die Geschichte der untersten (weißen) Klasse in den Kolonien und später den USA, einer Klasse also, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.

Ob »Crackers«, »Clay-Eaters«, »Mudsills«, »White Trash« – für jede wichtige Epoche der US-amerikanischen Geschichte weist Isenberg die Existenz einer Gruppe in der weißen Bevölkerung nach, die eben keine Möglichkeit hatte, sich durch Arbeit aus ihrer wirtschaftlichen Not und ihrer sozialen Ächtung zu lösen, und der ihre Lage und alle damit einhergehenden Symptome wie mangelnde Bildung oder Hygiene wiederum von den oberen Schichten zum Vorwurf gemacht oder als biologisch determiniert angeheftet wurden.

Soziale Mobilität war nicht nur nicht gegeben, sondern auch gar nicht gewünscht. Im Gegenteil: die Angst vor der Verunreinigung und Schwächung echten guten angelsächsischen Blutes durch Vermischung mit dem »Abschaum« nahm geradezu hysterische Züge an und mündete letztlich in die Bestrebungen der Eugeniker von Anfang des 20. Jahrhunderts, die »minderwertige« Bevölkerungsgruppen durch Internierung, Zwangssterilisierung oder gar Tötung daran hindern wollten, sich zu fortzupflanzen und dadurch die Nation zu schwächen.

Erst Weltwirtschaftskrise und Große Depression führten zumindest vorübergehend zu einem Umdenken, indem sie vielen Menschen, die sich immer weit über dem »White Trash« gesehen hatten, von heute auf morgen die sicher geglaubte wirtschaftliche Basis entzogen und sie nach ganz unten durchfallen ließen. Erst jetzt, mit Franklin Roosevelts New Deal und damit verbundenen Maßnahmen, wurde der Versuch unternommen, den bisher Chancenlosen am unteren Ende des sozialen Spektrums echte Möglichkeiten zu Selbstversorgung und Aufstieg zu geben.

Isenberg konzentriert sich, der Titel sagt es ja deutlich, auf die Verlierer und Parias europäischer und vor allem angelsächsischer Herkunft. Aber natürlich kann diese Geschichte nicht erzählt werden, ohne auch die Geschichte der Sklaverei und der Afroameriker vor und nach ihrer Befreiung in den Blick zu nehmen. Die Autorin zeigt auf, wie Benachteilung und Notlage weißer und schwarzer Armer im Wechselspiel stehen und inwiefern sich wiederum die Situation für Frauen noch einmal anders darstellt. Allgemein gesagt dröselt Isenberg akribisch auf, wie Zugehörigkeit zu einer Klasse, einer »Rasse«, einer Ethnie oder eben einem Geschlecht den Mythos von der unbeschränkten sozialen Mobilität zu genau dem macht: zu einem Mythos.

It was not only pellagra or illiteracy that stood in the way of their rise; there was also the fear of the wealthier classes that poor whites, like blacks, might not be willing to stay in their place.

Das Buch ist nicht unbedingt eine lockere Lektüre. Das rührt natürlich zum einen vom Thema her, kommt aber zum anderen dadurch, dass Isenberg hier eine enorme Menge von Entwicklungen, Quellen und Bewertungen aus immerhin 400 Jahren Geschichte auf recht knappen 320 Seiten unterbringt. Das ist nichts Schlechtes – Sie sollten aber eben eher ein Fachbuch mit hoher Informationsdichte erwarten als eine geschichtliche Erzählung.

Ein Kritikpunkt, der sich auch gegen ein Fachbuch richten lässt, wird in einem Kommentar bei Amazon formuliert: »I miss more visualisation of this heavy load of information covered in the text like maps, graphs, tables and pictures. They would help to digest the food for thought more easily and to store it to the memory.«

Trotz dieser (kleinen) Hürden empfehle ich »White Trash« allen wärmstens, die sich ganz allgemein für US-amerikanische Geschichte interessieren oder die versuchen möchten, die Hintergründe der für uns nicht immer nachvollziehbaren innenpolitischen Vorgänge in den USA zu verstehen, und nicht bei reinen Verurteilungen stehenbleiben wollen. Und vielleicht – mit aller Vorsicht extrapoliert, weil sich vieles nicht auf Europa und Deutschland übertragen lässt – lassen sich auch Erkenntnisse zu Entwicklungen und Verhältnissen hierzulande gewinnen.

Punditry has tended to reduce the reality of class, which crosses lines of racial and gender identity, and to replace it with an all-encompassing marker of dispossession that exclusively features the once ascendant, now aggrieved »white working-class male«. Such an artificial, monolithic designation of working class reinforces the idea of voting blocs as fixed categories. As a result, politicians are said to appeal to one or another preset group. We need to see beyond.

  • Autor(en): Nancy Isenberg
  • Verlag: Penguin Books
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2017 (2016)
  • ISBN: 978-0143129677
  • Wertung von Andreas: 4/5

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