Oliver Uschmann, Sylvia Witt: Bis zum Schluss

am

Mehr als zwei Jahren stand dieses Buch unangetastet bei mir im Regal. Während ich alles andere aus dem Hause Uschmann & Witt immer schnell weglese, sobald ich es in die Finger bekomme, machte ich um »Bis zum Schluss« einen weiten Bogen. Ich hatte schlicht und einfach eine Heidenangst davor. Denn in diesem Buch geht es um das Sterben lieber Menschen, um das Begleiten Todkranker auf dem letzten Stück irdischen Weges.

Ich bin einer, der die Themen Krankheit und Tod verdrängt. Das ist überhaupt nur darum möglich, weil ich das große Glück habe, trotz meines nicht mehr jugendlichen Alters bisher noch keine direkten Angehörigen oder guten Freunde verloren zu haben. Ich stand nie in der ersten Reihe. Und so halte ich mir die Hände vor die Augen und summe ein Liedchen und tue so, als hätten meine Lieben und ich ewige Gesundheit und ewiges Leben.

Daran ändert auch das Buch von Uschmann und Witt nichts. Ich glaube auch nicht, dass es möglich ist, den Umgang mit Sterben und Tod durch Lesen und Kontemplation zu »erlernen«. Es ist auch nicht so, dass es notwendig oder gut wäre, nun permanent das Ende vor Augen zu haben und sich jeden Tag ein memento mori in großen schwarzen Lettern an den Himmel zu malen. Und diejenigen, die bereits nahestehende Menschen verloren und vielleicht in einer schweren letzten Krankheit begleitet haben, brauchen wiederum keine »Anleitung« mehr.

Was also soll dann dieses Buch?

Ich kann es gar nicht so genau sagen. Zumal ich es natürlich anders betrachte als Leser, die schon direkter mit Sterben und Tod zu tun hatten – also die Erfahrungen, die Uschmann und Witt schildern, bereits selbst gemacht haben. Und auch anders als Menschen, die beruflich ständig damit konfrontiert sind, Ärzte, Pfleger, Hospizmitarbeiter, Bestatter, aber auch Sanitäter oder Feuerwehrleute.

Die Leserkommentare bei Amazon spiegeln diese verschiedenen Blickwinkel ein bisschen wider.

Sicher sagen kann ich, dass »Bis zum Schluss« kein schwerverdaulicher Problemwälzer ist, kein novembergrauer Brocken, der einen zermalmt. Die beiden Autoren haben es ganz im Gegenteil fertiggebracht, eine Mischung aus Erzählung, Tagebuch und Ratgeber zu schreiben, die fast durchweg wunderbar zu lesen ist. Nachdem ich mich letzte Woche endlich getraut hatte, das Buch zur Hand zu nehmen, hat es mich sofort gepackt, und ich habe es innerhalb von nur vier Tagen regelrecht verschlungen.

Gerade der erste Teil, in dem Oliver Uschmann vom Sterben seiner Mutter schreibt, mit der er die letzten Wochen im Hospiz verbracht hat, ist natürlich alles andere als leichte Kost. Aber Uschmann und Witt schaffen es, immer Erzählende zu sein und nicht Klagende. Sie balancieren sicher auf dem schmalen Grat zwischen larmoyantem Exhibitionismus und trivialisierender Kalenderspruchweisheit und rutschen dabei in keines dieser Extreme. Sie bringen es sogar fertig, dem Thema hier und da humoristische Momente abzugewinnen. Das Ganze wird getragen von der in mittlerweile Dutzenden Büchern ganz anderer Art geübten, verfeinerten und bewährten Erzählkunst der Autoren: gekonnt und unprätentiös.

Und wie gewohnt warten Uschmann und Witt auch hier wieder mit zahlreichen Ausflügen in die verschiedensten Fachgebiete auf, von der Psychologie und Verhaltensforschung bis hin zur Quantenphysik. Das sind Schlenker, die hilfreich oder einfach nur interessant sind oder die einen vielleicht gar dazu bringen, sich selbst und die Umgebung anders wahrzunehmen. Sie geben dem Buch auf jeden Fall noch mehr Breite und lassen vielleicht auch Leser etwas für sich finden, die mit der Betrachtung des Hauptthemas nicht einverstanden sind.

Gerne würde ich am Ende nun wieder ein Fazit ziehen. Doch es ist unmöglich, bei solch einem Buch über das Handwerkliche hinaus – das ich für gelungen halte – eine allgemeingültige Einschätzung abzugeben. Ich würde aus meiner eigenen Sicht sagen, dass »Bis zum Schluss« ganz hervorragend geeignet ist für Menschen wie mich: als ein sanftes Herantasten an das gemiedene Thema.

  • Autor(en): Oliver Uschmann, Sylvia Witt
  • Verlag: Pantheon Verlag
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2015
  • ISBN: 978-3570552612
  • Wertung von Andreas: 4/5

Weitere Bücher bei Svipp