Ryan Holiday, Stephen Hanselman: The Daily Stoic

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Die beiden Autoren Ryan Holiday und Stephen Hanselman betonen ein ums andere Mal (machen Sie sich bei diesem Buch auf quälende Redundanz gefasst), dass der geübte Stoiker sich niemals an Dingen reibt, an denen er nichts ändern kann. Ich will diese Forderung beherzigen und gleich auf das Buch selbst anwenden, indem ich mich nämlich nicht länger als unbedingt notwendig damit befasse.

Den Geist des »Daily Stoic« mögen folgende Zitate beispielhaft veranschaulichen:

That’s what Seneca is reminding us. As someone who was one of the richest men in Rome, he knew firsthand that money only marginally changes life. It doesn’t solve the problems that people without it seem to think it will.
(Seite 31, The Truth About Money)

Oder:

Remember, each individual has a choice. You are always the one in control. The cause of irritation – or our notion that something is bad – that comes from us, from our labels or our expectations. Just as easily, we can change those labels; we can change our entitlement and decide to accept and love what’s happening around us.
(Seite 89, Timeless Wisdom)

Oder meinetwegen:

Most of us are afraid of dying. But sometimes this fear begs the question: To protect what exactly? For a lot of people the answer is: hours of television, gossiping, gorging, wasting potential, reporting to a boring job, and on and on and on. Except, in the strictest sense, is this actually a life? Is this worth gripping so tightly and being afraid of losing? It doesn’t sound like it.
(Seite S. 379, What Are You So Afraid of Losing?)

Nun sagen Sie selbst: Was ist das? Ist es tiefsinnig? Ist es originell? Ist es gewagt? Ist es witzig? Ist es irgendetwas außer Plattitüden, die dermaßen öde, aufgeblasen und weltfremd sind, dass man zwischen schlagartigem Koma und weißglühendem Zorn schwankt?

Die Autoren des »Daily Stoic« schreiben mit dem Habitus von Priestern – oder nein: von priesterlichen Buchhaltern in einer Abtei (ich weiß, dass es verdammt coole Priester und Mönche gibt – Grüße an Frater Sebi, selig, der dort, wo er jetzt ist, hoffentlich weiter fröhlich sein Harmonium bearbeitet!). Es fehlt dem Buch jedenfalls vollkommen an Witz, an Esprit. Auch nach kleinen Sottisen und Übermütigkeiten, zu denen doch ein Dreißigjähriger wie Ryan Holiday hoffentlich, hoffentlich noch fähig ist, sucht man vergebens. Stattdessen staatstragender Bierernst.

Warum der »Daily Stoic« ein so dermaßen begeistertes Echo hervorgerufen hat, ist mir kaum begreiflich. Vielleicht kommt hier wieder einmal das Phänomen von des Kaisers neuen Kleidern zum Tragen. Vielleicht äußern sich da aber auch Menschen des 21. Jahrhunderts, die einfach wenig lesen und denen ein paar Zitate und mit ausreichender Gravität vorgetragene Kalendersprüche entsprechend leichter imponieren. Und vielleicht klingt für manche verheißungsvoll, dass viele »professional athletes, CEOs, hedge fund managers, artists, executives, and public men and women« Stoiker seien und yadda, yadda, yadda.

Ich bin mit solchem Lametta nicht zu beeindrucken. Und nein: dieses Mal füge ich nicht die Einschränkung hinzu, dass ich es vielleicht einfach nicht kapiert habe. Im »Daily Stoic« findet sich einfach nicht viel, was nun großartig verdaut und verstanden werden müsste. Es ist ein lebensferner Sermon, der nicht überzeugender wird, wenn man sich vor Augen hält, dass sich die beiden Autoren an keiner einzigen Stelle aus der Deckung wagen und einmal ganz konkrete Verbindungen zu ihrem eigenen Leben herstellen. Welcher Gestalt waren denn so die Hürden und Fährnisse, die sie in ihrem Leben bisher zu überwinden hatten? Wie schwierig und schmerzhaft die Entscheidungen, die zu treffen waren? Wie groß die Verluste, die sie zu verkraften hatten? Wir erfahren es nicht. Und das verstärkt den Eindruck, der sich ohnehin beim nicht so leicht zu beeindruckenden Leser einstellt: dass es sich eher um wohlfeiles und gut zu vermarktendes naseweises Geschwätz handelt.

Ach, jetzt habe ich mich doch in Rage geschrieben. Die Stoiker werden mich verachten, ist doch nach ihrer Auffassung solch eine Gefühlsaufwallung ein Ausdruck von dringend abzulegender Schwäche. Die Welt der Autoren und Fans des »Daily Stoic« ist bevölkert von Millionen Micky Mausens: stets kontrolliert, stets nüchtern, enthaltsam, ernst und (schein-)souverän. Sehen Sie’s mir nach, aber ich zöge dann doch die Gesellschaft einer Horde Donald Ducks vor!

Wenn ich nun hier so gegen den »Daily Stoic« wüte, dann will ich damit im Übrigen nichts gegen die echten Stoiker der Antike gesagt haben. Ich empfehle aber den Interessierten, sich an die Originale zu halten.

Und wenn Sie ganz allgemein nach Halt, nach Trost, nach Leitfäden suchen – wissen Sie, ich als Nichtreligiöser behaupte, dass beispielsweise die 10 Gebote alles, ja mehr enthalten als die dicke traurige Schwarte, die ich hier gerade bespreche. Und vielleicht haben Sie ja das Glück, noch sehr alte Verwandte oder Freunde zu haben. Lauschen Sie lieber, was die so zu erzählen haben. Oder setzen Sie sich einfach ab und an mal zu einem abendlichen Sliwowitz mit diesem wettergegerbten, steinalten Kroaten aus dem zweiten Obergeschoss zusammen, dem Herrn Matko Stoić …

  • Autor(en): Ryan Holiday, Stephen Hanselman
  • Verlag: Profile Books Ltd.
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2016
  • ISBN: 978-1202221776
  • Wertung von Andreas: 1/5

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