Philip Pullman: La Belle Sauvage (Band 1 von The Book of Dust)

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Der eigentliche Titel dieses Buches, La Belle Sauvage, geht ein wenig unter auf der Titelseite meiner Ausgabe. Viel wichtiger ist dem Verlag ein anderer Titel: The Book of Dust. Tatsächlich ist La Belle Sauvage nur der erste Band einer Trilogie, die dazu noch an eine andere, bereits erschienene Trilogie, His Dark Materials, anschließt. So läuft das im Genre Fantasy – unter drei Bänden fängt man gar nicht erst an. Im vorliegenden Fall lief die Vermarktungsmaschinerie allerdings ein bisschen leer: 17 Jahre hat es gedauert seit dem letzten Band von His Dark Materials, und zwischendurch gab es nur zwei kleinere, ziemlich mäßige tie-ins und, habe ich mir sagen lassen, eine noch viel mäßigere Teilverfilmung.

La Belle Sauvage knüpft eng an an den Vorgänger: Die Handlung dreht sich darum, dass der Protagonist, der Junge Malcolm, einen gewissen Säugling namens Lyra vor der fiesen und tyrannischen Kirche sowie vor einem psychopathischen Vergewaltiger retten und durch eine übernatürlich angehauchte Flut von Alternativwelt-Oxford nach Alternativwelt-London paddeln muss, um sie zu ihrem Vater zu bringen, der eine wichtige Person ist. Dabei rauft Malcolm sich mit dem schroffen Mädchen Alice zusammen; die beiden müssen einige Härten durchmachen und ein paar Prüfungen bestehen. Ende der coming of age -Geschichte, Teil 1. Ah ja, die quasi-magischen Orakelmaschinen Alethiometer spielen auch eine kleine Rolle, und die als Dust bezeichneten geheimnisvollen Partikel werden bisweilen ebenfalls erwähnt.

Das klingt nun nicht gerade spannend, und ehrlich gesagt ist es das auch nicht. Dabei hatte Philip Pullman mit His Dark Materials die Latte ziemlich hoch gelegt, gerade im Genre Fantasy, das mit lesenswerten Romanen wahrhaftig nicht im Übermaß gesegnet ist, und schon gar nicht mit solchen, die Jugendliche und Erwachsene zugleich ansprechen. Ein Folgeband müsste sich schon sehr anstrengen, um im Vergleich nicht zu enttäuschen. Dazu kommt, dass sich (wieder) alles um Lyra dreht. Gewiss muss Lyra einst ihre Prophezeiung erfüllen und den gesamten Kosmos samt Unterwelt wieder ins Gleichgewicht rütteln, aber ihre Geschichte ist schließlich bereits zu Ende erzählt. Es ist alles gesagt, was zu Lyra zu sagen ist. Warum die Protagonistin der vorherigen Trilogie hier nun als MacGuffin herhalten muss, ist nicht ganz einzusehen, vor allem, wenn ein gefühltes Drittel des Textes sich darin ergeht, wie sie gefüttert, gesäubert, gewickelt und gebobbelt werden muss. (Ein weiteres Drittel besteht darin, dass allerlei Figuren hin- und hereilen, um sich wichtige Dinge mitzuteilen, die sie dann wieder der nächsten Figur zutragen und so weiter.)

Dabei kann ich nicht einmal behaupten, dass La Belle Sauvage schlecht geschrieben wäre. Gepackt hat mich der Text aber nur einmal kurz, so um Seite 480 herum, als Malcolm und Alice mit ihrem Kanu in einer Art phantastischen Zwischen- oder Unterwelt landen, von der Malcolm einen Blick in das Jenseits (?) des Settings erhaschen kann – eine rätselhafte kleine, immens stark aufgeladene Szene, die mir in die Magengrube fuhr. Dann verlischt die Flamme wieder, die in His Dark Materials über drei Bände heiß gelodert hat. Wer endlich wissen will, was es denn nun wirklich mit Dust auf sich hat, muss eben den nächsten Band kaufen und hoffen, dass die Glut vielleicht doch noch nicht völlig erloschen ist.

Schlagwörter:

Fantasy, Romane

  • Autor(en): Philip Pullman
  • Originaltitel: La Belle Sauvage
  • Verlag: Fickling (Penguin)
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2017
  • ISBN: 978-0857561084
  • Wertung von Kai: 3/5

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