Forrest Leo: The Gentleman

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Wie so oft war diese Lektüre das Ergebnis eines ziellosen Herumstöberns im englischen Regal des Buchhändlers. Natürlich stößt man auf diese Weise eher selten auf die ganz unbekannten Überraschungsbücher, und so sind auch bei »The Gentleman« der Umschlag und die ersten Seiten dieser Auflage bedeckt mit allerlei lobenden Pressestimmen. Aber zumindest mir war dieser Roman ganz unbekannt – ich habe ihn mir schlicht und einfach wegen des Titels und des Umschlagbildes geschnappt. Für Viktorianisches und Gentlemanhaftes bin ich immer zu begeistern.

Die Vorgeschichte ist schnell skizziert: England irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts, junger Dichter mit Ambitionen und kostspieligem Lebenswandel heiratet um der Mitgift willen, empfindet die Ehe schnell als wenig erbaulich und glaubt sich dadurch seines schöpferischen Genies beraubt.

Die Mischung aus Herablassung, Larmoyanz und hoffnungsloser Selbstüberschätzung, mit der dieser Dichter als Ich-Erzähler sein Schicksal schildert, wird vom Autoren Forrest Leo so überzeugend aufs Papier gebracht, dass ich anfangs aus lauter Widerwillen gegen den Hauptcharakter und seine Affektiertheit um ein Haar das Buch zur Seite gepfeffert hätte. Als ich kurz davor bin, den Stab über dem Buch zu brechen, hat der junge Held dann eine Begegnung der etwas anderen Art, die der Erzählung einen Stoß verpasst. Die Handlung wird endlich beschleunigt und bekommt überdies einen Drall, der sie ganz sachte mehr und mehr ins Absurde führt. Dieser Wendepunkt der Geschichte ist das uralte Faustische Motiv der Begegnung mit dem Leibhaftigen, das Forrest Leo allerdings erfrischend neu und anders auspinnt.

Da es überall zu lesen ist, verrate ich nicht zuviel, wenn ich preisgebe, dass der Held dem Teufel dummerweise beiläufig und eher aus Versehen seine Angetraute verkauft. Weder die forsche und alle Konventionen als Aufforderung zum Zuwiderhandeln verstehende Schwester des Helden noch der Bruder der Braut, ein wunderbar überzeichneter Prototyp des englischen Abenteurer-Forschers, sind über dieses Geschäft begeistert. Simmons, der beste Butler des Empires, schließt sich ihrer Kritik an, und schon haben wir die Gruppe beisammen, die sich nun anschickt, den Handel rückgängig zu machen.

Wie das ausgehen würde, war für mich erfreulicherweise lange nicht absehbar. Das liegt daran, dass der Autor auch die absurderen und fantastischeren Begebenheiten im gleichbleibend kühlen und gestelzten Tonfall erzählt. Die Selbstverständlichkeit, mit der der Teufel diskutiert wird, ließ mich erwarten, dass Leo in seiner Geschichte tatsächlich das Fantastische als ganz selbstverständlich und real in die viktorianische Welt von Dampfmaschine und Elektrizität einbindet. Aber sicher war ich mir nicht und durfte daher gespannt sein. Allerdings war ich, soviel will ich sagen, vom Ausgang des Romans dann doch etwas enttäuscht. Es war ein bisschen, als habe einer einen Ballon prall aufgeblasen, um ihn mit einem lauten Knall platzen zu lassen, und dann ist am Ende aber die Luft einfach nur mit einem leisen Winseln entwichen.

Dass der Roman die meiste Zeit geradezu kammerspielartig wirkt und, wenn ich mich nicht verzählt habe, nur drei Handlungsorte braucht und sehr viel direkte Rede enthält, erklärt sich daraus, dass er auf einem vom Autoren ursprünglich geschriebenen Theaterstück basiert, wie wir im Nachwort erfahren. Das ist etwas Gutes, denn so bleibt die ganze Geschichte trotz des flamboyanten Stils schlank und meistens flott.

Den von einigen Kommentatoren diagnostizierten Steampunk konnte ich für mein Teil nicht ausmachen. Die Flugmaschine, die irgendwann eine Rolle spielt, ist für mich kein Steampunk, sondern eher eine Anspielung auf die mit technischen Entwicklungen spielenden oder utopischen Romane des 19. Jahrhunderts (etwa von Jules Verne).

Ein schönes Detail sind im übrigen die vielen (absichtlich übertrieben vielen) Fußnoten des imaginären und recht pedantischen Herausgebers Hubert Lancaster. Und auch die sehr stimmungsvollen und stilistisch wunderbar passenden Illustrationen von Mahendra Singh sollen lobend erwähnt sein!

Unterm Strich ein unterhaltsamer Roman, nur am Anfang für meinen Geschmack etwas quälend und am Ende überraschend mut- und farblos, dafür im Hauptteil mit vielen orginellen Ideen und überschäumendem Sprachwitz. Oft hart an der Grenze zur Manieriertheit, so sehr, dass es mir nicht möglich ist zu sagen, ob der Autor nun wirklich immer ganz dem Buch und seiner Atmosphäre verpflichtet ist oder ob nicht hier und da doch schlicht seine Eitelkeit mit ihm durchgeht und er sich ein wenig zu sehr an seiner Fähigkeit, so wunderbar viktorianisch affektiert zu klingen, ergötzt. Das sei ihm aber, wenn es so wäre, angesichts seines jungen Alters verziehen und gegönnt.

Sie selbst wiederum sollten sich, wenn möglich, die englische Fassung gönnen, denn ich kann mir nur schwer vorstellen, wie sie verlustfrei in eine andere Sprache zu übertragen ist.

  • Autor(en): Forrest Leo
  • Zeichner: Mahendra Singh
  • Verlag: Penguin Books
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2016
  • ISBN: 978-0399562655
  • Wertung von Andreas: 3/5

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