Martin Schemm: Das Geheimnis des goldenen Reifs

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Wir finden uns ins Stammesherzogtum Sachsen des Jahres 1073 versetzt. Die sächsischen Edelleute zürnen ihrem Lehnsherrn König Heinrich IV. Es geht um Land, um Einfluss, auch um Stolz. Die Machtverhältnisse sind damals alles andere als festgefügt und werden in einem ständigen Ringen zwischen König, Adel und Kirche ausgekämpft, nicht selten kriegerisch – und so geraten wir mitten hinein in den Sachsenkrieg.

Was, wenn in dieser Welt nun plötzlich ein zauberisches Ding auftauchte, ein mächtiges Artefakt, das seinen Träger den Willen jedes anderen für immer an sich binden ließe?

Genau um dieses Gedankenspiel herum spinnt Martin Schemm seinen Roman: den historischen Schauplätzen und Akteuren stellt er eine andere, eine verborgene Welt an die Seite, die Welt der alten Götter, der Sagen, der Magie und Fabelwesen. Ein scheinbar harmloses Schmuckstück gelangt über Umwege aus der Fabelwelt in die Welt der Menschen und ihrer Kämpfe. Unheil droht nun, wenn ein Mensch – einer mit Machthunger und ohne Skrupel – es in seine Hände bekäme und sein Geheimnis entdeckte. Und so findet sich eine kleine Gruppe sehr verschiedener Charaktere zusammen, um das magische Artefakt rechtzeitig aufzuspüren und wieder in Sicherheit zu bringen.

Es klingt ein klein wenig nach Tolkiens Einem Ring, aber bei allen Schwächen, die Martin Schemms Roman sicherlich hat: ein Abklatsch des Fantasy-Klassikers ist er nicht. »Das Geheimnis des goldenen Reifs« erhält durch die Einbettung in geschichtliche Begebenheiten, durch seine realen Schauplätze und Akteure eine ganz eigene Prägung. Und diese Prägung bekommt noch mehr Tiefe durch die enge Verknüpfung mit der regionalen Sagenwelt von den alten nordischen Göttern über unterirdische Zwergenreiche bis hin zu den Raunächten und der Wilden Jagd.

Das ist alles sehr vielversprechend. Reicher, sehr reicher Stoff für einen Roman. Gerade für einen, den man jetzt an dunklen Abenden schön bei einer Kerze, Backwerk und einem heißen Getränk genießen kann.

Leider, Sie haben es geahnt, hat mich die Erzählung vom Goldenen Reif nicht so richtig überzeugt. Zumindest nicht als Kritiker bei Svipp, der sich der Fairness gegenüber anderen besprochenen Werken verpflichtet fühlt und Ihnen ein möglichst ausgewogenes Bild vermitteln möchte.

Es geht, wie so oft, bei der Sprache los. Sie ist bei Schemm nicht fehlerhaft, das nicht, aber seinen Schilderungen und Dialogen fehlt es für meinen Geschmack an Leichtigkeit und Lebendigkeit. Zu oft finden sich sperrige, umständliche Wendungen und eine penibel-furchtsame Erzählweise, wo einfache, kraftvolle Pinselstriche besser gewesen wären. Es ist dieses ärgerliche Amts- und Juristendeutsch, das leider ganz allgemein immer mehr Gewalt über unser geschriebenes Deutsch erlangt und das traurigerweise als gehoben gilt, obwohl es in Wirklichkeit stilistisch ganz einfach schlecht ist.

Zwei Tage zuvor war Gerald von seinem Herrn angewiesen worden, ebenjene drei Personen ausdrücklich zu der Festlichkeit nach Loctuna einzuladen. Er war umgehend losgeritten, um Graf Gebhard von Supplinburg sowie Gertrud von Haldeslevo und ihrer Tochter Hedwig die Nachricht zu übermitteln.

Schon ein wenig – nun ja: amtlich, oder? Wörter wie umgehend oder sowie sind schöne Beispiele für das Amtsdeutsch, von dem ich rede. Hier aus dem Stegreif das, was ich als Lektor dem Autoren vorgeschlagen hätte: »Zwei Tage zuvor war Gerald auf Befehl seines Herrn eigens losgeritten, um die drei ausdrücklich zu dem Fest einzuladen.«.

Ein anderes Beispiel:

Von den albischen Spähern in Kenntnis gesetzt, war er mit der vor ihnen liegenden Route, der Landschaft und den wichtigsten Gegebenheiten vertraut. Obwohl er bis dahin nur wenige Male auf der Erdoberfläche gewesen war, ließ ihn sein wacher Verstand sich rasch zurechtfinden.

Der Stegreiflektor in mir schlägt vor: »Die albischen Späher hatten ihn mit der Route, mit der Landschaft und mit allen Besonderheiten, von denen sie wussten, vertraut gemacht. Und so fand sich sein wacher Verstand in der der fremden Umgebung schnell zurecht.«

Und wie schon in anderen bei Svipp besprochenen Büchern fällt auch hier der unnötige Einsatz von dieser, dessen und deren auf, wo die einfachen er oder ihre nicht nur ausreichend, sondern natürlicher und schöner wären:

Sein Lachen verstärkte sich noch, als er den verständnislosen, fast vorwurfsvollen Blick seines Gefährten sah. Schließlich legte er diesem versöhnlich die Hand auf die Schulter.

Ich führe diese Beispiele keineswegs an, um mich über den Autoren zu erheben (ich selbst habe noch keinen Roman zustandegebracht und ziehe allein schon deswegen meinen Hut vor Leuten wie Martin Schemm). Ich möchte nur meine Kritik am Sprachlichen begründen und Ihnen veranschaulichen, was ich meine. Es sei in diesem Zusammenhang einmal mehr auf Gustav Wustmanns Buch »Allerhand Sprachdummheiten« verwiesen, das in den Kapiteln über Stilistik schon damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, gegen das umsichgreifende Amtsdeutsch zu Felde zieht.

Auch die Handlung und die Charaktere des »Goldenen Reifs« sind jetzt nicht unbedingt der ganz große Wurf. Die Handlung entwickelt sich streckenweise sehr behäbig. Und es fehlt für meinen Geschmack an wenigstens zwei, drei überraschenden Wendungen – irgendetwas, das so richtig danebengeht oder alles durcheinanderwirft. Stattdessen verläuft die Geschichte doch recht linear. Passend dazu bleiben auch die Charaktere weitgehend frei von Zwiespältigkeiten, von inneren Widersprüchen und Konflikten und von Wandlungen. Und wenn denn einer sein Wesen ändert, dann auch nur, weil es von ganz oben ordentlich eins auf die Mütze gegeben hat.

Und schließlich hat der Roman noch eine Eigenheit ganz anderer Art: alle paar Seiten nämlich berührt eine Person die andere an der Schulter. Es gibt so dermaßen viele Schulterberührungen, dass manche Szene, die eigentlich Schwere, vielleicht Tragik vermitteln soll, unversehens ins Slapstickhafte rutscht. Das ist dann irgendwann eben eher »Dinner for One« als »Ritt der Walküren« und hätte dem Lektor auffallen müssen.

Soweit der gestrenge Svipp-Kritiker.

Ganz unter uns sagt Ihnen der ehemalige Rollenspieler und der Freund fantastischer Literatur in mir aber, dass er für »Das Geheimnis des goldenen Reifs« durchaus ein Eckchen in seinem Herzen gefunden und das Buch recht schnell weggelesen hat. Lassen Sie mich das Fazit daher so ziehen: Sind Sie auf der Suche nach einer komplexen Geschichte, nach vielschichtigen Charakteren, nach sprachlicher Finesse, dann stöbern Sie lieber noch ein bisschen weiter. Haben Sie gerade Lust auf ein gemütliches Historienmärchen, dann greifen Sie einfach zu.

  • Autor(en): Martin Schemm
  • Verlag: Ellert & Richter
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2013
  • ISBN: 978-3831905270
  • Wertung von Andreas: 2/5

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