Dean Burnett: The Idiot Brain

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Ich habe gerade eben nach geistreichen Aussprüchen zum Thema Reisen gesucht und wurde geradezu erschlagen von Zitaten. Sehr sympatisch ist mir dieser Ausspruch von Erich Kästner: »Toren bereisen in fremden Ländern die Museen, Weise gehen in die Tavernen.« Ich würde für mich nun nicht gerade das Attribut weise in Anspruch nehmen, denn bis dahin werde ich wohl noch so an die sechzig, siebzig Jahre brauchen. Aber ich kann den Gedanken nachempfinden: auch ich schlendere lieber ziellos durch die Straßen oder setze mich ins Café oder die Bar und lasse den Blick schweifen, wenn ich in der Fremde bin, und sauge so die Eigenart des Ortes ein.

Ich mag aber auch sehr das reine Unterwegssein (solange es ohne Zugausfälle bei der Deutschen Bahn und riechende, laute oder sonstwie unangenehme Mitreisende vonstatten geht). Das wiederum bringt Thomas Mann mit dem Wort »Reisen ist das einzig Taugliche gegen die Beschleunigung der Zeit« bestens auf den Punkt.

Wie ich nun auf dieses gedankliche Nebengleis geraten bin, wo ich doch eigentlich etwas zu dem Buch »The Idiot Brain« schreiben wollte, hat seine Gründe. Der erkennbare und nachvollziebare ist, dass ich mir dieses Buch letzte Woche gekauft habe, als ich einmal wieder mit dem Zug unterwegs war. Das tue ich gerne: mir auf Reisen neues Lesematerial beschaffen, gerne auch abseits dessen, was ich sonst so lese. Vielleicht ist man auf Reisen ja allgemein aufgeschlossener und wagemutiger als im Alltag zu Hause? Ja, und sehen Sie, da kommen wir zu den nicht ganz so offen zu Tage liegenden Ursachen für mein Abschweifen. Und die fallen ins Metier von Dean Burnett, dem Autor des Buches.

Burnett ist Neurowissenschaftler und Fachmann für alles, was unser Hirn angeht – seinen Aufbau, seine Funktionsweise, seine evolutionäre Entwicklung (und das, was von ganz, ganz früher geblieben ist), seine Schwächen und Seltsamkeiten und alles, was damit zusammenhängt. Und das ist eine ganze Menge! Es geht los bei unseren Sinneswahrnehmungen oder dem, was wir dafür halten. Es umfasst natürlich unser Interagieren mit der Umwelt, unser Gedächtnis, die Züge unserer Persönlichkeit und unser Verhalten als Individuum und in der Gruppe. Ängste, Süchte, Neigungen und natürlich Fehlfunktionen und Krankheiten. Humor, Liebeskummer, Verkaufstricks. Alles hat mit dieser Wundermaschine in unserem Schädel zu tun, die wahre Wunder vollbringt, aber auch absurd umständlich oder schrullig sein kann.

It seems fairly straightforward, so obviously it isn’t.

Es sind so wahnsinnig viele Themen und Informationen, die Dean Burnett aufgreift, dass es allein schon ein bemerkenswertes Kunststück ist, wie er sich auf so ein schlankes Buch beschränken konnte. Um falschen Erwartungen zu begegnen, sollte ich hier noch ein Reisezitat von Thomas Fuller anbringen: »Wenn ein Esel auf Reisen geht, wird er nicht als Pferd zurückkommen.« – Sprich: aus mir ist durch diese Lektüre kein Neurowissenschaftler geworden. Burnett betont immer wieder, dass er nur die ganz fundamentalen Zusammenhänge erläutert und vieles der besseren Verständlichkeit halber weglässt.

Es ist eben ein Sachbuch, kein Fachbuch. Als solches aber eines der besten, die ich gelesen habe. Das liegt nicht nur daran, dass der Autor es schafft, die komplexe Materie zusammenzufassen und sie sehr eloquent und anschaulich zu vermitteln. Nein, das Buch ist überdies auch noch gespickt mit jeder Menge Humor. Nicht ungelenken Versuchen, sondern wirklich gekonnten Schlenkern, bei denen ich mehr als einmal laut lachen musste.

The saccade is one of the quickest movements the human body can make, along with blinking and closing a laptop as your mum walks into your bedroom unexpectedly.

Ein ganz großartiges Lesevergnügen!

Schlagwörter:

Sachbücher, Wissenschaft

  • Autor(en): Dean Burnett
  • Verlag: Faber and Faber Ltd.
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2017
  • ISBN: 978-1783350827
  • Wertung von Andreas: 5/5

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