Uwe Wesel: Fast alles, was Recht ist

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Letztens habe ich an dieser Stelle das Buch eines Neurowissenschaftlers empfohlen, und nun komme ich mit Jura an. Aber keine Bange: das sind nicht Anzeichen von einsetzendem Größenwahn und geistiger Zerrüttung (ich muss es wissen nach meiner Neuro-Lektüre!). Ich hatte einfach Lust, in ganz andere Bereiche hineinzuschnuppern. Warum also nicht auch mal in die Rechtswissenschaften, die uns doch tagtäglich betreffen, vor denen wir uns aber dennoch gern die Augen zuhalten wie Kinder, die das (gedachte) Übel damit verschwunden glauben?

Es gibt eine ganze Menge Bücher, die dem Laien die Juristerei begreifbar zu machen versprechen. Das von Uwe Wesel war eine ganz willkürliche Wahl meinerseits. Es ist erstmals 1992 erschienen und nun in einer überarbeiteten und aktualisierten Fassung neu herausgegeben worden. (Beispielsweise sind Kapitel zu NSA-Skandal, Vorratsdatenspeicherung und anderen Internetthemen hinzugekommen.)

Das Wichtigste gleich vorweg: Wesel hat es tatsächlich geschafft, ein lesbares Buch zu schreiben, sich also das schreckliche Juristendeutsch zu verkneifen, das einige seiner Berufskollegen (auch in der Politik) gar nicht mehr ablegen zu können scheinen und das – noch trauriger – manchen als gehobenes Deutsch gilt.

Nein, hier haben wir ein verständlich geschriebenes Buch, das an den richtigen Stellen vereinfacht und an den wiederum passenden Stellen ins Detail geht und beispielsweise erklärt, warum bestimmte Gesetze so sind, wie sie sind, was sie konkret bedeuten und was nicht.

Ein großes Verdienst Wesels sehe ich darin, dass er mit einigen Mythen und Missverständnissen aufräumt, ohne nun gleich wieder das ganze Rechtssystem in Frage zu stellen oder lächerlich zu machen.

So kritisiert er beispielsweise durchaus manche Auswüchse der Rechtssprache, erklärt aber auch, dass es sich um eine Fachsprache handelt, die dem Ziel untergeordnet ist, so eindeutig wie möglich zu sein. (Ich kann das gut verstehen, denn mein Berufsstand der Entwickler und Web-Schaffenden pflegt ja auch ein ganz eigenes Kauderwelsch, das nicht immer so einfach durch normales Deutsch zu ersetzen ist.)

Wer will nun noch widersprechen, wenn jemand meint, die Rechtswissenschaft sei eine Kunst, mit Worten, die niemand versteht, etwas zu sagen, was jeder weiß?

Ein anderes Missverständnis ist das Verwechseln von Recht oder Rechtsprechung mit Gerechtigkeit. Es ist gut, dass der Autor das einmal ordnet. Wie er das auseinandersetzt, wie er das Logische und das Funktionieren unseres Rechtssystems erklärt und begreifbar macht, gleichzeitig aber immer wieder klarstellt, dass es alles ein Konstrukt von Menschen und damit niemals perfekt ist – das alles empfinde ich, wie schon gesagt, als wahrhaft verdienstvoll.

Der Mensch Wesel ist dabei selbstverständlich nicht frei von Meinung. Er suggeriert aber auch gar nichts anderes: er kommentiert, er bewertet, er kritisiert; aber stets unterlegt er seine Einschätzung mit Argumenten und verkauft sie vor allem nicht als unumstößliche Tatsache. Das ist sauber und lässt uns Lesern frei, seine Einschätzungen bestimmter Gesetze oder Urteile zu teilen oder auch mal nicht. Wir werden zum Mitdenken und Nachvollziehen oder eben zum Widersprechen eingeladen. Wesels Gedanken zum Strafrecht etwa haben mich wirklich ins Grübeln gebracht. So sehr, dass ich nicht gleich zum nächsten Kapitel springen konnte, sondern erst einmal innerlich diskutieren musste.

»Fast alles, was Recht ist« ist ein gut geschriebenes Sachbuch, und seine Lesbarkeit wird noch gesteigert durch eine Prise Humor und Schnoddrigkeit hier und da. Das kann ein anekdotenhaft geschilderter, besonders skurriler Rechtsfall sein oder auch mal ein selbstironischer Seitenhieb Wesels gegen seinen Berufsstand. Und dass seine Witze hin und wieder ein wenig verstaubt und pullunderig sind, fand ich gar nicht schlimm oder lächerlich. Es passt ja irgendwie zum etwas steifen Bild, das man sich von der Juristerei macht.

Da hamses, Herr Ramses.

Ein guter Einblick in Rechtsgeschichte und Rechtswissenschaften! Keine ganz lockere Reiselektüre, aber auch nichts, auf dem man wie auf einer alten Brotscheibe herumkaut.

  • Autor(en): Uwe Wesel
  • Verlag: C.H.Beck
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2014 (aktualisierte Neuauflage)
  • ISBN: 978-3406651021
  • Wertung von Andreas: 4/5

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