Andrew D. Williams: Mirror Images

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Vermutlich wäre ich auf die Kurzgeschichtensammlung »Mirror Images« nie aufmerksam geworden, wenn ich nicht schon seit langem eine lose E-Mail-Freundschaft mit dem Autoren pflegte.

Andrew Williams hat mich über Jahre hinweg bei einem Non-Profit-Projekt und später auch bei einem Buch als Lektor für englische Texte unterstützt, war mir aber viel mehr als bloßer Übersetzer und Korrekturleser. Mit Williams konnte ich wunderbar über Plots, Charaktere und Pointen diskutieren und an ihnen feilen.

Dass er sich mit dem Prozess des Schreibens lange und eingehend beschäftigt hat, zeigte Williams auch in seinem leider eingestellten Blog, wo er sich mit allen Aspekten des Autorendaseins befasste: vom Entwickeln stimmiger Charaktere und funktionierender Handlungen über Motivation, Blockaden und Schreibtechniken bis hin zu Publikation und Marketing. Diese Artikel waren nicht nur fundiert und hilfreich, sondern überdies immer in einem angenehmen Plauderton geschrieben.

Aus unserer immer wieder in alle möglichen Gebiete ausufernden Korrespondenz wusste ich zudem, dass Williams nicht nur ein in Theorie und Praxis guter Schreiber mit Witz und einem guten Auge fürs Detail ist, sondern dass er auch noch einen weiten Horizont hat. Als er mir dann vor einiger Zeit von »Mirror Images« schrieb, war der Kauf für mich dementsprechend auch nicht nur ein obligatorischer Freundschaftsdienst, sondern einer aus Interesse und Leselust heraus.

Nun habe ich mich schon wieder dazu hinreißen lassen, viel zu weit auszuholen, während Sie mit den Füßen scharren und denken: »Meine Güte, wann kommt der Kerl denn endlich mal zum Punkt?!«

Ich möchte mich aber damit entschuldigen, dass die kleine Vorgeschichte eigentlich schon alles sagt, was nötig ist, um Ihnen den Kauf dieser Kurzgeschichtensammlung nahezulegen.

Die Geschichten selbst sind so wunderbar kurz und knackig, dass eine Inhaltsangabe hier nicht nur müßig ist, sondern Gefahr liefe, zuviel preiszugeben. Aber ich will immerhin verraten, dass es sich um sehr verschiedene Geschichten handelt. Nicht nur von Zeit, Ort und Genre der Handlung her, sondern auch im Hinblick auf literarische Gattung und Schreibtechnik.

Nicht alle der Geschichten sind exzellent. Für mich selbst waren es vor allem ausgerechnet die ersten zwei, drei Texte, die mich nicht ganz so mitrissen. Aber sie sind eben so herrlich knapp, dass es ganz egal ist. Wenige Absätze weiter wartet ja schon die nächste Geschichte. Und ich fand auf jeden Fall einige Perlen für mich. Meine Lieblingsgeschichten waren »Spykill« (eine Persiflage auf einen bekannten Geheimagenten, über deren Motivation wir im Nachwort Interessantes vom Autoren lesen), »Letter in a Bottle« (die den berühmten Helden einer Kindergeschichte einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet und einen surrealen Grusel erzeugt) und »The Cursed Tomb« (eine ganz eigene Verarbeitung der Legende vom Fluch des Tutanchamun). Und auch …

Ach, lesen Sie selbst!

Erwähnen möchte ich auch noch, dass bei »Mirror Images« sogar das Vorwort und das Nachwort des Autors eine angenehme Lektüre sind. Williams führt uns wie ein vollendeter Conférencier mit Charme und Selbstironie in das Buch hinein und am Ende wieder heraus und flicht einige interessante Anmerkungen zum Hintergrund seines Autorenschaffens und der Geschichten ein.

Und für den Fall, dass Sie das alles noch nicht überzeugt haben sollte und Sie nun grübeln, ob sich der Kauf lohnt, sei am Ende ein Blick auf den Preis des Buches (E-Book) empfohlen. Er liegt bei 99 Cent.

  • Autor(en): Andrew D. Williams
  • Verlag: Selbstverlag (E-Book)
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2017
  • ISBN: B073RQSWWS (ASIN)
  • Wertung von Andreas: 4/5

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