Florence Braunstein, Jean-François Pépin: 1 Kilo Kultur

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Gut sieht es aus, das Kilo Kultur. Ich habe mich im Buchladen gleich verliebt in das freundliche Lindgrün, wie es mir da aus dem Regal entgegenleuchtete. Verheißungsvoll auch die elegante, zurückhaltende Gestaltung des Einbands. Wochenlang strich ich immer wieder darum herum, ein ums andere Mal zog ich den Wälzer heraus und überlegte, was genau ich mir eigentlich von ihm verspreche und ob ich nicht doch wieder einfach nur meiner Vorliebe fürs Schöne folge.

Das Ende vom Lied ist, dass das Grün nun aus meiner eigenen Büchervitrine strahlt. Und dass ich um die Erkenntnis reicher bin, weit weniger gefeit zu sein gegen die ganz oberflächlichen Verlockungen des Lebens, als ich mir allzu gerne selbst vormache. Ja, Sie verstehen mich ganz richtig: für mich war »1 Kilo Kultur« eine Enttäuschung. Ich nehme das gleich vorweg, weil ich so wenig Gutes an ihm finde, dass ich es gar nicht schaffen würde, hier in der Besprechung irgendeinen Spannungsbogen aufzubauen.

Und das wenige Gute? – Ist bereits abgehandelt: der schöne Einband. Mehr ist da aus meiner Sicht nicht, was zu Lob Anlass geben könnte. Na schön: der originelle Titel noch. Aber sonst?

Nüschte.

Denn alles andere hat mich enttäuscht, gelangweilt, ja allzu oft regelrecht verärgert. Ich erkenne durchaus die Mühe an, die ein solch umfassendes Werk bedeutet. Aber Fleiß und Eifer allein reichen nicht aus, um mich als Käufer und Leser eines Buches zu überzeugen – bei Non-Profit-Projekten, Kleinstverlegern, Schülerarbeiten und dergleichen sehe ich das anders, nicht jedoch, wenn das Buch von einem großen Verlag herausgegeben wurde.

Diesem Kilo Kultur mangelt es nach meinem Dafürhalten an vielem, vor allem in der ersten Hälfte, nach der ich bereits so verärgert war, dass mich auch der bessere zweite Teil nicht mehr versöhnen konnte.

Es geht damit los, dass für mich kein roter Faden, kein durchgängiges inhaltliches Konzept zu erkennen ist, was bei so einer Menge an Stoff unweigerlich dazu führt, dass die zusammengestellten Daten genau das bleiben: ein Haufen gesammelter Daten.

Gut hätte dem Werk ganz sicher eine stärkere inhaltliche Beschränkung getan, eine engere Interpretation des Begriffs der Kultur. Wozu dynastische Details erzählen, Kriege, Schlachten, die doch anderswo schon zigfach und erschöpfend abgehandelt sind? Und warum sich nicht auf ausgewählte Regionen beschränken? Es ist zwar lobenswert und grundsätzlich sehr interessant, auch endlich einmal etwas über Kulturen in Afrika zu lesen. Es ist aber klar, dass bei einem halbwegs bewältigbaren Buch eine Kulturgeschichte aller Völker und Regionen der Welt zu einer ausformulierten Stichwortliste verkommen muss. Wo liegt da der Gewinn? Das Ganze geht weder in die Tiefe, noch ist es auch nur ansatzweise gut zu lesen.

Und da sind wir auch schon bei einer Frage, der sich ein Buch wie »1 Kilo Kultur« stellen muss: wo genau liegen seine Vorzüge gegenüber Wikipedia als bequemes, allumfassendes, verknüpftes, stets verfügbares Nachschlagwerk (noch dazu oft recht gut geschrieben und reich bebildert) auf der einen Seite und gegenüber Monografien auf der anderen Seite, die sich mit genau einem Thema befassen und daher weit mehr in die Tiefe gehen können, als es ein Nachschlagwerk tun kann – und die in vielen Fällen auch noch ein echtes Lesevergnügen sind? Wo sehen die Verfasser von »1 Kilo Kultur« ihr Werk? – Ich sage: es ist überflüssig, denn es lässt alle Stärken der Konkurrenz missen und macht nichts, aber auch gar nichts besser.

Der schlechte Eindruck wird noch verstärkt durch zum Teil wirklich große sprachliche Schwächen (wobei ich natürlich einschränken muss, dass hier die Übersetzung aus dem Französischen schuld sein kann), durch allzu häufig mangelhafte Strukturierung, Abstimmung und Gewichtung der Inhalte und durch ein gänzliches Fehlen von Bildmaterial – nicht einmal Grafiken, die das Verdauen der atemlos hervorgehaspelten Informationsbruchstücke erleichtert hätten, sind zu finden, nein, auch kein simpler Zeitstrahl hier oder da.

Der Fairness halber sei noch darauf verwiesen, dass die zweite Hälfte des Buches weniger schwach ist – die Texte haben mehr Zusammenhang und sind auch sprachlich runder und verständlicher. Möglicherweise haben die beiden Autoren das Buch in zwei großen Blöcken unter sich aufgeteilt, und einer von beiden schreibt einfach besser. Möglicherweise aber gewinnen die letzten Kapitel, sagen wir: ab dem 18. Jahrhundert, einfach dadurch, dass sich die Autoren endlich auf wenige Regionen oder Staaten konzentrieren.

Mir war die Lust an diesem Kilo Kultur da allerdings schon gründlich vergangen. Immerhin, auch das sei gesagt, gibt es aber eine Menge andere Käufer, die dieses Buch deutlich positiver bewerten.

Um mein ungnädiges Urteil zu untermauern, führe ich im Folgenden eine Reihe von Textbeispielen aus dem Buch an. Sollten Sie an diesen Details nicht interessiert sein, dann können Sie an dieser Stelle guten Gewissens aussteigen, denn meine Einschätzung kennen Sie ja nun.

Sie sind noch dabei? Das freut mich. Also medias in res – beleuchten wir einmal schlaglichtartig einige Textpassagen aus »1 Kilo Kultur«!

Nach diesen Ereignissen kehrt Abraham nach Hebron zurück, wo Sara einige Zeit später sterben wird. Abraham selbst stirbt im hohen Alter von 175 Jahren; nicht ohne ein weiteres Mal geheiratet und weitere Kinder bekommen zu haben.
(Seiten 183, 184; »Die Hebräer«)

Ja, der gute Abraham wäre heute der Alptraum der Rentenkasse … – Gutes Autorenhandwerk wäre, Mythen und rein symbolische Zahlen als solche darzustellen und sie nicht kommentarlos in die Erzählung von Fakten oder angenommenen Fakten hineinzumengen. In diesem Fall wäre es das Beste gewesen, das mythische Alter Abrahams schlicht und einfach wegzulassen. Es hat – so ganz ohne Einordnung – überhaupt keine Relevanz.

Dann verlangen die Stämme von Samuel, einen König zu benennen. Dies wird um 1000 v. Chr. Saul aus dem Stamm Benjamin werden. Nach einer Niederlage gegen die Philister, die sich dieses Mal mit den Kanaanitern verbündet haben, wird er von seinem eigenen Schwert aufgespießt.
(Seite 185; »Die Hebräer«)

Diese Stelle zeigt sehr gut, wie seltsam atemlos die Erzählung oft ist, wie sprunghaft und unverknüpft die Informationen oft aufeinander folgen. Vor allem aber wollte ich Ihnen die Geschichte mit dem offenbar autonom agierenden Schwert nicht vorenthalten – eine Stilblüte, der noch andere folgen. Bei der Konkurrenz von Wikipedia liest sich das etwas erwachsener und gefälliger: de.wikipedia.org/wiki/Saul …

Unser Wissen über das Königreich Aksum (ca. 1. – 12. Jahrhundert) ist dafür sehr viel umfangreicher. Dieses Königreich, nach seiner Hauptstadt benannt und in der äthiopischen Provinz Tigray gelegen, scheint im Laufe des 2. Jahrhunderts n. Chr. entstanden zu sein. […] Nach dem 8. Jahrhundert verliert Aksum immer mehr seine Vorrangstellung und muss sich schließlich im 12. Jahrhundert der Übermacht der Dynastie der Zagwe (1135 – 1268) beugen, die aus Lasta stammt, einer südlich von Tigre gelegenen Provinz.
(Seiten 240, 241; »Afrika«)

In einem wirklich nicht sehr langen Abschnitt lesen wir im Abstand von nur wenigen Zeilen zuerst von einer Provinz Tigray und dann von einer namens Tigre. Aus dem Zusammenhang ist zu schließen, dass ein und dieselbe Region gemeint ist. Doch warum zwei Schreibweisen? Ein Versehen? Das wäre schwach in einem so kurzen Text. Oder ist hier bewusst unterschieden worden? Aber dann wäre irgendein Hinweis, wenigstens eine winzige Anmerkung nicht nur hilfreich, sondern in einem Sachbuch unerlässlich. Bei Wikipedia finden wir einen Artikel zur Provinz Tigray und einen zum Volk der Tigre – alles deutet also eher auf einen Fehler im Text hin. Aber mal ganz im Ernst: soll ich mir als Leser wirklich den Kopf darüber zerbrechen und hinter den Autoren herrecherchieren müssen?

Ganz abgesehen davon, dass es die Provinz Tigray anscheinend erst später, lange nach der Entstehung von Aksum gab, man also korrekterweise schreiben müsste »in der späteren äthiopischen Provinz Tigray«. Klingt nach Korinthenkackerei? Ist aber einer der wichtigsten Grundsätze der Geschichtsschreibung: Sei eindeutig, vermeide Anachronismen.

Die e-makimono, bemalte Rollbilder, behandeln verschiedene Themen, wobei sie zuweilen dem Einfluss des chinesischen Realismus erliegen.
(Seite 529; »Das mittelalterliche Japan«)

Wieder eine schöne Stilblüte. Die armen Rollbilder, die irgendeinem chinesischen Realismus erliegen … Aber wer weiß: vielleicht sind wir ja mit unserer Muttersprache mittlerweile auch einfach so weit, dass es ganz egal ist, ob etwas einem Einfluss unterliegt oder ob man einer Krankheit oder einem Feind erliegt. So lässt sich’s dann natürlich schön bequem drauflosschreiben. Allerdings um einen großen Preis, nämlich den der Ausdruckskraft, Detailschärfe und Schönheit unserer Sprache.

Abgesehen von der Stilblüte ist der ganze Abschnitt aber auch wieder ein wunderbares Beispiel dafür, wie zusammenhanglos und verworren uns zumindest in der ersten Hälfte des Buches Informationen um die Ohren gehauen werden, so dass am Ende nichts, aber auch gar nichts hängenbleibt. Und daher hier noch einmal der ganze Abschnitt:

Die Kamakura-Malerei: Kunst der Porträts – Die Kunst wird zum Mittel für die Tendaishu- und Shingon-Schulen, ihre Lehren zu verbreiten. Doch der Amidismus, der Kult des Buddha Amitabha, des Meisters des Reinen Landes (Jōdo-shū), erringt die Gunst der Menschen, und zahlreiche raigō-zu entstehen, Darstellungen des Abstiegs Amitabhas auf die Erde. Die e-makimono, bemalte Rollbilder, behandeln verschiedene Themen, wobei sie zuweilen dem Einfluss des chinesischen Realismus erliegen. Bei der Porträtkunst überwiegt die Individualität der Modelle. Eines der bekanntesten Bilder dieser Zeit ist das Sitzproträt [sic] Yorimotos, gemalt von Fujiwara Takanobu (1141 – 1204).

Das ist der Abschnitt zur Überschrift »Die Kamakura-Malerei: Kunst der Porträts«. Ihnen summt es in den Ohren? Sie verstehen Bahnhof? Ja, sehen Sie, so liest sich das Buch aber in weiten Teilen. Und nein, Überschriften haben hier nicht unbedingt viel mit dem darauffolgenden Text zu tun. Und inwiefern die im Text zusammengeworfenen Details etwas mit einem Thema zu tun haben, erschließt sich zumindest mir auch oft nicht.

Von der ersten Navigationsschule zu den Entdeckungen der Seefahrer – Die Karavelle, ein Segelschifftyp, taucht während der Herrschaft des portugiesischen Infanten Heinrich des Seefahrers (1394 – 1460) auf. Als Astronom und Mathematiker errichtet er die erste Seefahrerschule in Terçanabal […]
(Seite 573; »Europäische Renaissance«)

Die »auftauchende« Karavelle ist in diesem Abschnitt nur dieses eine Mal kurz am Horizont zu sichten und bleibt damit ein geheimnisvolles Phantom. (Ich bin mir nicht sicher, würde aber durchaus einen kleinen Betrag darauf wetten, dass die Karavelle im ganzen Buch nicht wieder erwähnt wird.) Wie also der erste Satz mit dem Rest des Abschnitts zusammenhängt, müssen Sie sich als Leser schon selbst zusammenreimen. Am besten ist es, wenn Sie sich in der Geschichte der Seefahrt auskennen. Wobei …

Na, und was die »Herrschaft des Infanten« angeht, so mag – wieder einmal – ein Blick in verschiedene Wikipedia-Artikel interessant sein, sagen wir: Infant, Heinrich der Seefahrer und Liste der Könige (also Herrscher) Portugals – kommen Sie, Sie müssen schon ein bisschen mitarbeiten!

Pierre de Ronsard (1524 – 1585) gilt als Haupt der Dichter der Pléiade. Sein Werk kann in drei zeitliche Abschnitte eingeteilt werden. Bis 1559 herrscht der Einfluss der Antike und Italiens vor. Ronsard veröffentlicht Oden-Bücher, die den griechischen Dichter Pindar oder den Lateiner Horaz nachahmen. Er schreibt die »Discours des misères de ce temps« – Rede über die Nöte der Gegenwart, die »Élegies, mascarades et bergeries« – Elegien, Maskeraden und Schäfereien. Die letzte Zeit seines Lebens, von 1574 bis 1585, zieht er sich in das Priorat von Saint-Cosme-les-Tours zurück.
(Seiten 623, 624; »Die französische Literatur während der Renaissance«)

Erkennen Sie die drei zeitlichen Abschnitte im Werk des Pierre de Ronsard? Nicht? Aber dafür haben Sie endlich mal einen Satz mit dem Wort »Priorat« lesen dürfen!

Leopold I. (1640 – 1705), Sohn Ferdinands III., wird 1658 Deutscher Kaiser. 1660 beendet er den Krieg gegen Schweden, unternimmt dann von 1663 bis 1683 mehrere Feldzüge gegen das Osmanische Reich, bis die Osmanen in der Schlacht am Kahlenberg am 12. September 1683 nach der letzten Besetzung Wiens unterliegen.
(Seite 649; »Deutschland im 17. Jahrhundert«)

Vergessen Sie alles, was Sie bisher über die Belagerungen Wiens durch die Osmanen zu wissen glaubten: Wien hat gar nicht standgehalten – nein, es war besetzt! Allerdings 1683 dann zum letzten Mal. Uff!

Mehr Kontext wäre im Übrigen in Bezug auf die Rauferei mit den Schweden vielleicht nett gewesen, wenigstens das Stichwort Polen, aber wer weiß – vielleicht war das ja auch alles ganz anders, als bisher bekannt.

Das Kebra Negest gilt bei manchen äthiopischen Christen als heiliges Buch, dessen Inhalt authentisch ist. Diese Haltung wird von den Rastafaris geteilt, jamaikanischen Sängern wie etwa Bob Marley.
(Seite 713; »Die äthiopische Literatur«)

Selassie hilf!

Immer mehr werden große Forschungsreisen unternommen. Cavalier de La Salle fährt den Mississippi hinab und entdeckt Louisiana (1682).
(Seite 751; »Die Aufklärung: Zeitalter des Intellekts«)

Das ist schon ein Ding, oder? Dass die Ländereien, die La Salle entdeckt, ausgerechnet so heißen wie sein König Louis XIV, der berühmte Sonnenkönig. Vielleicht gab es im indianischen Katasteramt Hinweise für den Hintergrund dieses Zufalls …

Der neoklassische Geschmack hält Einzug in den Profanbau und bewirkt im 18. Jahrhundert eine Vergrößerung der Sakralarchitektur. Die Architektur dieser Periode ist durch die Verschmelzung willkürlicher Raumzusammenhänge gekennzeichnet, die im vergangenen Jahrhundert noch deutlich getrennt waren.
(Seite 754; »Die Künste in Frankreich: Einheit und Vielfalt«)

Noch Fragen?

Denis Diderot (1713 – 1784). «Ich dachte wie ein Heiliger und handelte wie ein Narr» – dieser Ausspruch fasst den Beginn seines Lebens zusammen, den er mit fundierten Studien bei den Jesuiten und des Rechts verbringt, welche er bald aber wieder aufgibt.
(Seite 762; »Literatur und Philosophie: Neue Ideen dominieren«)

Hmm, seltsam – letztens, als ich von der Silvesterparty zurückkam und diesen Abschnitt las, war mir alles ganz klar. Aber jetzt. Warten Sie mal. Also, es ist so, dass Diderot kurz nach seiner Geburt …, also, ich meine, er wird als Narr geboren, na ja, oder so ähnlich. Und die Jesuiten gibt er schnell auf, obwohl er mit ihnen und dem Monsieur des Rechts so schön fundiert studiert hat. Hmm, ja, so war es wohl.

Der Spanische Erbfolgekrieg oder der 1. Carlisten-Krieg (1833 – 1839) bricht aus.
(Seite 914; »Spanien im 19. Jahrhundert«)

Ja, welcher denn nu? Der Spanische Erbfolgekrieg, in dem sich zwischen 1701 und 1714 gleich mehrere europäische Mächte balgten (und in dessen Verlauf die Briten sich Gibraltar unter den Nagel rissen)? Oder der Erste Carlistenkrieg, also ein spanischer Bürgerkrieg, der zwischen 1833 und 1840 tobte?

Lassen wir es dabei. Wenn Sie mir bis hierhin gefolgt sind, dann werden Sie nun besser verstehen können, warum ich dem Kilo Kultur trotz der besseren zweiten Hälfte nicht mehr als einen Stern in der Svipp-Wertung geben kann.

  • Autor(en): Florence Braunstein, Jean-François Pépin
  • Originaltitel: 1 kilo de culture générale
  • Verlag: C.H.Beck
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2017
  • ISBN: 978-3406705977
  • Wertung von Andreas: 1/5

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