Charlotte Habersack: Bitte nicht öffnen: Bissig!

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Dass ich bisher nur ein einziges Kinderbuch – und zwar eines aus meiner eigenen Kindheit – besprochen habe, hat einen ganz naheliegenden Grund: als oller Erwachsener, der selbst keine Kinder hat, tue ich mich einfach schwer, den großen Kenner und Kritiker von Kinder- und Jugendliteratur zu geben. Zu schnell gehe ich dann von mir selbst aus und unterschätze die kleinen Leser oder setze voraus, dass Kinderhumor wie Erwachsenenhumor ist, nur ein bisschen harmloser.

Im Falle von Charlotte Habersacks Buch fällt mir die Besprechung aber leichter. Das liegt vor allem daran, dass es mir mein kleiner Neffe jüngst ausgeliehen hat. Er ist mit seinen zehn Jahren das Zielpublikum, und obwohl er sonst eher im Star-Wars-Universum zu Hause ist und (noch) nicht die ganz große Leseratte, hat er dieses Buch geliebt und mit Begeisterung verschlungen.

Das reicht an dieser Stelle eigentlich schon als Kritik. Was sollte ich noch groß hinzufügen als die ganz ungeheuchelte Feststellung, dass ich mich meinem Neffen nur anschließen kann? Ich war sofort drin in der Geschichte und habe das Buch kaum zur Seite legen können. Und das ist dann doch etwas von Substanz und Interesse, das ich der einzig ausschlaggebenden Einschätzung meines Neffen hinzufügen kann: Charlotte Habersack hat es fertiggebracht, eine Geschichte zu schreiben, die auch erwachsene Leser bestens unterhält.

Sie erzählt vom kleinen Nepomuk Pinkowski, von allen nur Nemo genannt, dem ein seltsam adressiertes Päckchen zugestellt wird. Die Anschrift liest sich An niemand! Wo der Pfeffer wächst, Am Arsch der Welt.

Und dann wird von der Autorin auch gar nicht lange gefackelt. Der Inhalt des Pakets entpuppt sich als recht – nun ja: lebendig. Und mit dem Moment, in dem Nemo das Paket öffnet, stellen sich noch ganz seltsame andere Erscheinungen ein, die die ganze Kleinstadt Boring in Aufregung und Chaos stürzen.

Nemo, sein bester Freund Fred und seine Schulkameradin Oda (in die Nemo insgeheim ziemlich verschossen ist) haben nun alle Hände voll zu tun, alles wieder ins Lot zu bringen.

Schnee im Sommer, Yetis und Bärenkrieger, eine walkürenhafte Schuldirektorin, Freundschaft und erste ganz zaghafte Verliebtheit, Parodien auf Prominente, Salamipizza, ein wunderbar altmodischer Spielzeugladen, originelle Details wie das Werbeplakat für Klopapier – und das alles mit Tempo und Schwung erzählt, ohne übermäßig auf Kindersprache getrimmt zu sein.

Großartig illustriert ist das Ganze auch noch. Der Zeichner Fréderic Bertrand bekommt von mir, der ich selbst als Hobbyzeichner dilettiere, ein dickes Extralob!

Auch die Aufmachung und Gestaltung des Buches sind tipptopp. Und weil nicht nur mein Neffe, sondern auch ganz viele andere Menschen »Bitte nicht öffnen« mit Lob und Bestnoten überhäuft haben, kann ich wohl einigermaßen sicher sein, mit dieser Kritik eines Kinderbuches auch als oller Erwachsener nicht ganz danebenzuliegen.

Besten Dank, Tom! :)

Schlagwörter:

Kinderbücher

  • Autor(en): Charlotte Habersack
  • Zeichner: Fréderic Bertrand
  • Verlag: Carlsen
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2016
  • ISBN: 978-3551652119
  • Wertung von Andreas: 5/5

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