Didier Convard: Operation Nibelungen (Kaplan & Masson, Bd. 2)

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Ich freue mich immer, wenn ich im schmalen Comic-Regal des Buchhändlers zwischen all den Biografien und Adaptionen literarischer Klassiker dann doch auch mal eine Neuigkeit entdecke, die eine ganz eigene Geschichte erzählt.

Entdeckt hat die »Operation Nibelungen«, um der Wahrheit genüge zu tun, mein Svipp-Kollege Dirk, der ein enthusiastischer Liebhaber frankobelgischen Comic-Schaffens und insbesondere der Ligne Claire ist. Und in der Tat kommt das Album des Zeichners Jean-Christophe Thibert wie ein Muster- und Paradestück jener Stilrichtung daher.

Ich kaufte mir zunächst den Band 1 der Reihe um Etienne Kaplan, leitenden Mitarbeiter beim französischen Geheimdienst, und seinen Freund Nathan Masson, der als Wissenschaftler eigentlich ein ruhigeres Leben führen sollte, sich aber ganz wie sein Ahnherr Tim nur allzu gerne in immer neue Abenteuer ziehen lässt.

Dieser erste Band – »Die Chaostheorie« – ist optisch bereits ein wahres Fest und lässt das Paris der 50er-Jahre regelrecht aus dem Papier emporwachsen. Ich musste schon geradezu suchen, um irgendetwas Bemängelnswertes zu finden, etwa die etwas seltsam gezeichneten Nasen. Eigentlich aber erreicht »Kaplan & Masson« bereits im ersten Band ein zeichnerisches Niveau, das der alte Großmeister der Ligne Claire, Hergé, erst mit den späteren Werken zur Entfaltung brachte. Nur die Geschichte schien mir etwas dünne, und der Bezug zur Chaostheorie blieb mir vollends rätselhaft.

Aber kommen wir zum Band 2, um den es hier doch gehen soll. »Operation Nibelungen« lässt sich ganz losgelöst vom ersten Album lesen, wir haben es bei »Kaplan & Masson« also nicht mit einer Fortsetzungsgeschichte im engeren Sinne zu tun.

Zeichnerisch ist dieser zweite Band noch einmal um Nuancen besser. Interessanterweise sind ausgerechnet auch die Nasen jetzt gut gezeichnet, so dass mir eigentlich nichts mehr zu mäkeln bleibt und ich als kleiner Hobbyzeichner nur noch in einer Mischung aus Ehrfurcht und Neid in den makellos präzise und gleichzeitig stimmungsvoll gezeichneten Panels schwelgen konnte. Für mich persönlich war damit der Kauf schon mehr als gerechtfertigt.

Ich muss aber natürlich trotzdem noch auf die Geschichte zu sprechen kommen, die der Erzähler Didier Convard diesmal vor uns ausbreitet. Die Grundidee ist sehr vielversprechend, und sie wird im französischen Originaltitel auch viel prompter und origineller ins Bild gerückt: Il faut sauver Hitler!

Ich kann nachvollziehen, dass man sich bei Carlsen dafür entschieden hat, hierzulande einen anderen Titel zu wählen, wenn er auch leider deutlich farbloser ist und an dem eigentlichen Kern der Geschichte vorbeigeht. Der Kern ist nämlich, dass Geheimdienstmann Kaplan eines Tages seinem Freund Masson tatsächlich nichts anderes eröffnet, als dass man dringend Hitler retten müsse, der in Rom sitze und auf den es KGB und CIA gleichermaßen abgesehen hätten.

Natürlich geht es nicht um den echten Hitler. Erzähler Didier Convard greift aber die nach dem Krieg kursierenden Gerüchte und Spinnereien auf, dass der »Führer« einen Doppelgänger habe erschießen und verbrennen lassen und selbst aus Berlin entkommen sei, und mischt sie mit der ganz realen Tatsache, dass sich allzu viele Nazis absetzen und andernorts allzu leicht neue Identitäten aufbauen konnten.

In Convards Geschichte erfahren wir von einem Netzwerk untergetauchter Nazis, die bereits wieder Morgenluft wittern und Pläne schmieden. Um sie aus ihrer Deckung zu locken, fasst der französische Geheimdienst nun den verwegenen Plan, einen Hitler-Imitator loszuschicken und Gerüchte um das Überleben und Wiederauftauchen des »Führers« zu streuen. Die Nazis beißen auch tatsächlich an. Die für die deutsche Ausgabe des Comics namensgebende »Operation Nibelungen« ist ihr Plan, Hitler aufzuspüren und in Sicherheit zu bringen.

Beim französischen Geheimdienst ist Etienne Kaplan für die Aktion mit dem falschen Hitler verantwortlich. Und mit Sorge erfährt er, dass er nicht nur die Nazis drangekriegt hat, sondern eben auch CIA und KGB – und dass die sich anschicken, seinem Lockvogel das Leben zu verkürzen.

Nicht der echte Hitler soll also gerettet werden, sondern der ganz und gar harmlose und als Köder agierende Doppelgänger.

Das ist die Geschichte. Es ist eine gute Geschichte. Oder sagen wir: ein guter Plot. Sie ahnen, dass ich diese Einschränkung ganz bewusst mache, und in der Tat hält die Erzählung aus meiner Sicht nicht, was die Grundidee verspricht. Es hätte aus dieser so wunderbar verworrenen Gemengelage und aus so vielen gegeneinander arbeitenden Parteien durchaus so etwas Brillantes werden können wie im Filmbereich »Burn After Reading«.

Wird es aber nicht. Allzu schnell verflacht die Geschichte zu einer ganz linear und überraschungsfrei verlaufenden atemlosen Abfolge von Verfolgungsjagden und wildem Geballer. Das wurde zumindest mir rasch langweilig.

Und das Ganze wird nicht besser dadurch, dass auch die Charaktere eher schwach ausgeprägt sind und kaum Entwicklungen und Konflikte erkennen lassen. Schon das Paar der beiden Helden, Geheimdienstmann Kaplan und Wissenschaftler Masson, wirkt eher wie zwei Klone. Das liegt daran, dass die Möglichkeit verschenkt wird, Masson einen zivilen Menschen sein zu lassen, der dann im Gegensatz zum handfesten Kaplan stünde. Nein, Masson ist ein hartgesottener Kämpfer – nicht nur Boxmeister, sondern auch sicher im Umgang mit allen möglichen Waffen und Fahrzeugen. Schade.

Und dass Masson nicht nur ein durchtrainierter Kämpfer ist, sondern auch noch jung, gutaussehend, wohlhabend und eben hochgebildet und dass sein einziges Manko die vollkommene Abwesenheit von Humor zu sein scheint, macht ihn als Hauptcharakter für mich noch ferner und öder. Ich als friedfertiger Dachstubendichter hätte mich über einen zivilen Masson als Identifikationsfigur gefreut. Und dem Paar Kaplan-Masson hätte dieser Gegensatz, wie schon gesagt, gutgetan.

Ein schlimmes Schicksal erleiden auch die beiden Nebencharaktere Line und Sensei.

Line tritt im ersten Band als die Sekretärin von Masson auf und begegnet uns Lesern als eine recht schneidige Frau. Im Laufe der Geschichte beginnt sie ein Techtelmechtel mit Masson. Alles wunderbar. Leider ist sie in Band 2 nun zur bloßen Staffage zusammengeschrumpft, zum stummen Anhängsel Massons, ihn anhimmelnd, ihm verfallen und ansonsten meistens nur schön aussehend. Bedauerlich! (Das sage ich nicht, um mich der gerade grassierenden Hysterie selbsternannter Genderaktivisten anzubiedern, sondern weil der Charakter der Line literarisch völlig entwertet wird und weil für mich schon lange vor dem überdrehten Gendergeschrei ganz natürlich und selbstverständlich war, dass Frauen mir in allen Belangen gleichberechtigt und ebenbürtig sind. Und so, wie mir eigenständige Männer mit Grips, Herz und Witz näher sind, mag ich natürlich auch solche Frauen lieber.)

Der japanische Wissenschaftler Sensei erfährt in »Operation Nibelungen« einen ähnlichen Niedergang. Im ersten Band tritt er uns noch als selbstbewusster, in sich ruhender, von fernöstlicher Philosophie und Mystik umflorter und mit großen Geistesgaben gesegneter Mann entgegen. Jetzt im zweiten Album hat ihn ein ähnliches Schicksal ereilt wie den Zwerg Gimli in Peter Jacksons Verfilmung von »Der Herr der Ringe«: Sensei ist zur Lachnummer geworden, der für kleine Slapstickeinlagen sorgt. Der komische, kleine Asiat – hihihi …

Ja, das ist ganz schön harsche Kritik, nachdem ich doch so überschwenglich begonnen habe. Sie werden verstehen, wie schwer angesichts dieser zwei ganz verschiedenen Einschätzungen das Vergeben einer Bewertungsnote ist. Fürs Grafische bekommt die »Operation Nibelungen« von mir glatte fünf Sterne, für Handlung und Charaktere reicht es nur für zwei. Daher am Ende dann drei Sterne – nicht aus Unentschlossenheit, sondern weil es beide Aspekte zusammenbringt.

Wenn Sie, wie ich, gute Zeichnungen genießen und ein ganz besonders großes Herz für Comics der Ligne Claire haben, dann sollten Sie nicht lange zaudern. Ich habe den Kauf der beiden Bände um Kaplan und Masson jedenfalls trotz der Kritikpunkte keine Sekunde bereut!

  • Autor(en): Didier Convard
  • Zeichner: Jean-Christophe Thibert
  • Originaltitel: Kaplan & Masson, Tome 2: Il faut sauver Hitler!
  • Verlag: Carlsen
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2016
  • ISBN: 978-3551728623
  • Wertung von Andreas: 3/5

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