Sana Krasikov: One More Year

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Letzten September habe ich an dieser Stelle eine Ode auf Sana Krasikovs Roman »The Patriots« gesungen, eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren in die Hände bekommen habe. Meine Hoffnung war und ist, dass dieser Schriftstellerin eine lange und möglichst produktive Schaffenszeit vergönnt sein möge und ich mithin noch viel von ihr lesen darf.

Einstweilen sieht es aber nicht danach aus, als sei Krasikov eine manische Vielschreiberin. Zumindest sind von ihr seit 2010 nur zwei Bücher erschienen. Leider. Im Moment wird sie nach dem Erfolg ihres Romans vielbeschäftigt sein mit Lesereisen und dergleichen. Aber wer weiß – vielleicht reift in ihr schon die Idee zum nächsten Werk.

Ich für mein Teil habe mir nun zunächst einmal ihre erste Veröffentlichung geschnappt, die Kurzgeschichtensammlung »One More Year«.

Ich ging an diese Lektüre mit einer Mischung aus Wiedersehensfreude, Spannung und Bangnis. Der Spannung nämlich, zu erfahren, ob Sana Krasikov vom Fleck weg auf hohem Niveau schrieb und wie sie mit der literarischen Form der Kurzgeschichte umgeht. Und der Bangnis auf der anderen Seite, dass ich womöglich nicht in der Lage sein würde, das Buch zu lesen, ohne ständig »The Patriots« im Kopf zu haben und die gleiche Begeisterung beim Lesen zu erwarten.

»One More Year« enthält acht Geschichten, allesamt von etwa gleicher Länge. Jede von ihnen dreht sich um eine Frau aus Russland oder einem der Nachfolgestaaten ehemaliger Sowjetrepubliken. Acht Frauen mit ganz verschiedenen Wegen und Schicksalen, aber einem verbindenden Oberthema: dem Hin- und Hergerissensein zwischen der Suche nach einem besseren Leben in den USA und der eigenen Vergangenheit, der Heimat, den zurückgelassenen Menschen in Russland, Georgien oder Usbekistan.

Es sind die Themen, die Sana Krasikov in ihrem sieben Jahre später erschienenen Roman wieder aufgreift und vertieft. Auch die jüdischen Wurzeln der Protagonistinnen treten hier und da an die Oberfläche, spielen aber noch nicht eine so vordergründige und wichtige Rolle wie in »The Patriots«. Es sind Themen, die die Autorin – so darf man vermuten – aus ihrer eigenen Familiengeschichte und den Lebensläufen in ihrem Umfeld zieht.

Die in »One More Year« versammelten Erzählungen sind gut. Sie sind schnörkellos und geradeaus, oft geradezu spröde und hart. Und die vorherrschende Stimmung ist selten luftig-leicht, sondern ganz im Gegenteil geprägt von der kühlen und ganz und gar unromantischen Lebenswirklichkeit der Protagonistinnen: von Vernunftentscheidungen, Verzicht, Ungewissheit und Enttäuschung. Krasikov beleuchtet die Geschichten von Menschen, die üblicherweise in der allgemeinen Wahrnehmung im Westen gar keine Rolle spielen oder die man allseits nach wie vor mit herablassenden Klischees betrachtet.

Ich muss nun zugeben, dass es mir nicht ganz gelungen ist, beim Lesen die Erinnerung an Krasikovs großen Roman und die unzulässigen Vergleiche damit aus meinen Gedanken zu scheuchen. Vielleicht spielt das mit hinein, wenn ich von »One More Year« jetzt nicht ganz so hingerissen bin.

Ich würde die Attribute impressive und brilliant, die auf dem Umschlag zu lesen sind, jedenfalls nicht wählen, um dieses Buch zu beschreiben. Dazu fehlen mir bei den Geschichten zu sehr die Momente der Überraschung, der Wendung, der Zuspitzung, des Erkennens, auch des Spielerischen, des Gewagten – Elemente also, die ein Autor bei Kurzgeschichten doch gerade besser und prägnanter ausspielen kann als bei Romanen. Krasikovs Erzählungen gleichen streckenweise eher Berichten, Schilderungen, Studien. Mir kommen dazu – ganz unzweideutig gemeint! – die Attribute gut und gelungen in den Sinn.

Und an vielen Stellen scheint schon das auf, was Sana Krasikovs späteren Roman so überwältigend machen wird, sprachliche und gedankliche Kleinode, verwunschene Buchstabenzauberwesen, die einen unvermittelt anspringen und packen und die man nicht so schnell abschüttelt.

It wasn’t despair that had made Nasrin do it, she thought, it was simple vengeance. How did one compete with insanity? she wondered. Whatever pain and hopelessness she’d felt herself, she could never raise them to a level of such violence.
(»Asal«)

Oder später:

She looked to Anya like a girl who’d been a good student all her life by working hard, even at things that were easy.
(»Better Half«)

Oder schließlich:

I got out of my chair and walked over to her. While I held her, she pressed her head into the small of my shoulder. Her neck was soft the way skin gets when it becomes a little loose. I could smell her sweetness through the tobacco, and the last notes of the soapy perfume she kept on the sink. How many ways a person can be lonely, I thought.
(»There Will Be No Fourth Rome«)

Ja, es ist ein gutes Buch. Ein gutes Buch mit brillanten Momenten.

  • Autor(en): Sana Krasikov
  • Verlag: Granta Books
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2010
  • ISBN: 978-1846271786
  • Wertung von Andreas: 3/5

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