David M. Barnett: Calling Major Tom

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Ich hatte mich letzte Woche im Buchladen schon auf ein neues Sachbuch eingeschossen und schwankte noch grübelnd zwischen »Reluctant Meister« und einer Geschichte Südosteuropas, als ich mir klar darüber wurde, dass ich eigentlich gerade eine ganz andere Lektüre haben möchte. Kein Sachbuch. Keinen Problemwälzer. Nein, etwas anderes, etwas …, etwas … Ich stellte die beiden Geschichtswerke wieder zurück und ließ den Blick aufs Geratewohl über die Rücken der Bücher im englischen Belletristikregal schweifen. Ich zog den einen Roman hervor, dann einen anderen. Und dann fiel mein Auge auf den Titel »Calling Major Tom« mit der kleinen Mondscheibe darunter.

Kennen Sie das? Wenn Sie ganz unversehens mit rätselhafter, aber umso festerer Sicherheit wissen, was die richtige Wahl ist? Spätestens, als ich das freundliche, still-schöne Umschlagbild von Helen Crawford-White sah, hatte ich solch einen Moment der Erleuchtung: Dieses Buch ist es!

Und tatsächlich war »Calling Major Tom« für mich dann so etwas wie die Lektüre der Stunde. Die Geschichte, die David Barnett erzählt, hat mich mit Wucht gepackt und mitgerissen, so sehr, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.

Die Handlung ist nicht verwickelt, nicht komplex, nein, sie ist geradezu schlicht – so wie bei den allermeisten wirklich guten Geschichten, die großen Klassiker eingeschlossen. Ich möchte über die Handlung gar nichts weiter sagen, weil das zwangsläufig hieße, zuviel zu früh preiszugeben. Die Erzählung spinnt sich um einen äußerst ungewöhnlichen Astronauten, dessen Abenteuer genau am Tag beginnt, als David Bowie stirbt. Und um eine Familie in Nordengland, die mit der stillen Tapferkeit kleiner Leute einer ganzen Reihe von Schwierigkeiten die Stirn bietet.

Es geht in diesem Buch nicht um die ganz großen Themen der Welt, es geht nicht um Mord und Totschlag, nicht um Krieg und Weltuntergang, nicht um Ränkespiele in Politik und Wirtschaft. Es geht um die Menschen, die in all dem Geschrei in der Welt kaum noch wahrzunehmen sind, obwohl sie die große Mehrheit bilden – davon bin ich noch immer überzeugt, auch wenn meine Hoffnung zuletzt schwand. Es geht nämlich um die vielzitierten und doch stets ausgeblendeten kleinen Leute.

Und das ist – neben der mit Humor, Sprachwitz und dramaturgischem Können erzählten Geschichte – wohl auch das, was für mich die Magie von »Calling Major Tom« ausmacht. Das Buch spendet Trost und Hoffnung. Es heilt.

All die lärmenden Hetzer und Eiferer, die ich zuletzt als allgegenwärtig empfand, die Streber und Petzer, die Klugscheißer und Selbstdarsteller, die Krieger und Gauner, die Schreier, die Hasser – welche Attribute sie sich selbst auch immer geben mögen: rechts, links, feministisch, national, streng religiös, vegan, identär, xy-aktivistisch – alle die spielen in Barnetts Roman keine Rolle. Sie bleiben draußen.

»Calling Major Tom« ist eine Geschichte über die Guten für die Guten. Und eine sehr britische obendrein.

Lassen Sie mich eine etwas längere Passage zitieren, eine Stelle, als sich die Geschichte gerade ihrem Höhepunkt nähert und wo die siebzigjährige Gladys viel besser sagt, als ich es vermag, was für mich den Geist des Buches ausmacht:

»I’m fine,« says Gladys crossly. »[…] You might be drunk, he might be crackers and I might be losing the plot, but if we stick together we might be all right. That’s what makes us strong, right? Sticking together. That’s how we’ve always done it around here. They might put fancy names on it every few years, like community spirit or big society or something else that they’ve paid someone a fortune to come up with, but it doesn’t really need a label. It’s just about people looking for each other. That’s the way we do things. That’s the way we’ve always done things.«

»Grassroots socialism in action,« says Delil with admiration.

Gladys points her finger at him. »Oi. You. I said no labels or fancy names, all right?«

»So what are we waiting for?« says Ellie. »Come on!«

Gladys frowns at her. »I need to get dressed first. I might be losing the plot, but I’m not going to Bisto in my nightie.«

Der Autor David Barnett stammt selbst aus einer Arbeiterfamilie, wie er in seinem Nachwort anmerkt, das Sie unbedingt lesen sollten. Er schreibt über Menschen und über Dinge, die er kennt und liebt. Das spürt man bei jeder Zeile.

Und vielleicht habe ich Unrecht, wenn ich weiter oben sage, dass es in seinem Buch nicht um große Themen gehe. Denn was gibt es für größere Themen als Hoffnung und Miteinander?

  • Autor(en): David M. Barnett
  • Verlag: Trapeze
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2017
  • ISBN: 978-1409168133
  • Wertung von Andreas: 5/5

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