Davut Çöl: Verstehen Sie Geld?

am

Wenn Sie häufiger bei Svipp hereinlesen, dann wissen Sie schon, dass ich mir immer mal wieder Bücher zu Themen schnappe, mit denen ich sonst so gar nichts zu tun habe. Ich bilde mir ein, dass das in vielerlei Hinsicht gut tut – wie immer, wenn man einmal über den eigenen Tellerrand blickt. Egal, wieviel man am Ende von der fremden Materie tatsächlich begreift und behält, so wird in jedem Fall der eigene Horizont wieder ein kleines Stückchen weiter, und das kann nicht schlecht sein.

Dieses Mal habe ich mich einmal in die Welt der Finanzen gewagt. Und vermutlich hätte ich kein besseres Buch zum Einstieg erwischen können als das von Davut Çöl.

Was auf den ersten flüchtigen Blick vielleicht wirkt wie einer der vielen, vielen mehr oder weniger nassforschen und windigen Ratgeber für Steuerspartipps, Aktiengeheimwissen und allerlei Geldtricksereien, die man im Buchhandel so angeboten bekommt, entpuppt sich ganz schnell als das genaue Gegenteil!

Çöls Buch ist nämlich nichts weniger als ein aufklärerisches Werk, aufklärerisch bis hinein ins geradezu Ketzerische – nämlich dann, wenn der Autor aufräumt mit den Wahrheiten, die uns Unbedarften Tag für Tag von Politik, Medien und allerlei Experten eingetrichtert werden. Er fordert eine Renaissance des Sparens (des echten Sparens im Sinne von Konsumverzicht oder Verschieben von Konsum); er zeigt, warum Immobilien nicht das einzig Wahre für jedermann sind; er rehabilitiert das gute alte Sparbuch; er legt dar, warum wirtschaftliches Wachstum eben nicht ewig und unendlich möglich ist; er erklärt, wo der Haken an der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken ist und warum sie scheitern wird – Çöl rüttelt uns mit einem Wort einmal tüchtig durch.

Wir Leser kommen dabei nicht ungeschoren davon: wenn ich eingangs schrieb, die Welt der Finanzen sei für mich etwas jenseits meines Tellerrandes, dann ist das eine Denkweise, die in »Verstehen Sie Geld?« auch kritisiert wird, freundlich und mit Empathie. Geld, so schreibt Çöl, betrifft jeden von uns immer, in jeder Lebenslage. Man kann nicht nichts damit zu tun haben. Klingt nach etwas Banalem, aber zumindest mich hat das Buch – reichlich spät bei meinem Lebensalter – mit der Nase darauf gestoßen, dass ich mich in Geldfragen freiwillig mit einer Unmündigkeit zufriedengegeben habe, die ich mir in anderen Bereichen niemals zugestehen würde.

Davut Çöl zeigt uns das aber auf, ohne dass wir uns schlecht fühlen. Und er nimmt sich in den ersten Kapiteln viel Zeit, wirklich jeden mitzunehmen auf seiner erzählerischen Bildungsreise durch die Welt des Geldes. Mir selbst schien das anfangs gar ein wenig zu simpel. Schon wollte ich mir auf die Schulter klopfen und mir selbst bescheinigen, dass ich doch schon alles wisse und das Buch mich unterfordere. Sollte es Ihnen auch so gehen, dann machen Sie es wie ich: lesen Sie weiter!

Çöl tut das, was mir bei deutschsprachiger (im Gegensatz zu angelsächsischer) Sachliteratur allzu oft fehlt: er erklärt Sachverhalte anschaulich und ganz ohne den Eigendünkel und die gestelzte Sprache des Gelehrten. Und aus den einfachen gedanklichen Bausteinen, die er nach und nach schafft, fügt er Erklärungen zu allmählich immer komplexer werdenden Fragen zusammen. Und ehe wir es uns versehen, befinden wir uns mitten in einer Analyse der Bankenkrise von 2008 und der nachfolgenden Schulden- und Eurokrisen. Das ist für mich der stärkste Teil des Buches. Er machte mir Zusammenhänge klar, die ich bisher nur scheinbar durchschaute oder die mir ganz und gar schleierhaft (und gleichgültig) waren.

Wie ich bereits schrieb: Davut Çöl wirkt hier als Aufklärer, als Systemkritiker. Nie aber hebt er ab, nie hat man das Gefühl, er wolle sich nur selbst profilieren als der einzige Mann mit Durchblick. Ich hatte eher das Gefühl, in einer trauten Runde mit anderen imaginierten Mitlesern beisammenzusitzen und bei einem Glas Wein oder einem heißen Kaffee den Ausführungen Çöls zu lauschen.

Sprachlich hätte ich dem Buch noch eine Runde Lektorat gewünscht – gar nicht in Bezug auf echte Fehler, denn in dieser Hinsicht ist das Buch wirklich tadellos –, sondern einfach um es stilistisch noch runder zu machen. Das hätte ich diesem sehr guten Buch einfach gegönnt, auch wenn es sich in sprachlicher Hinsicht, wie schon gesagt, von vielen deutschen Sachbüchern abhebt. Ich vermute aber ganz einfach, dass im umkämpften Literaturbetrieb schlicht kein Budget da ist, um auch noch stilistisch an den ganz feinen Details zu polieren. Das aber nur als Einschub – der Vollständigkeit halber (und weil’s mein Ceterum Censeo ist …).

Davut Çöl hat hier ein sehr empfehlenswertes Buch geschrieben, das Jung und Alt ein gern gemiedenes Thema nahebringt und mit vielen Falschinformationen, Irrtümern und Trugbildern aufräumt – und selbst beim schonungslos düsteren Ausblick in die Zukunft noch immer ganz praktische Ratschläge für uns Leser parat hat.

  • Autor(en): Davut Çöl
  • Verlag: tredition
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2017
  • ISBN: 978-3743912755
  • Wertung von Andreas: 4/5

Weitere Bücher bei Svipp