Peter Brock: Das Zaubertelefon

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Der kleine Andreas war kein Klischeekind: er streunte einerseits gerne mit den Freunden draußen herum und brachte mit dem selbstgebauten Bogen Hunderte Büffel und Cowboys zur Strecke, und anderserseits war er aber auch ein Bücherwurm und las viel. Schon immer. Und alles, was ihm in die Finger kam. Die zerfledderte alte Schwarte aus Opa Reicherts Schrank über die Fahrten von James Cook, Jean-François de La Pérouse und Adam Johann von Krusenstern wurde ebenso verschlungen wie Tiergeschichten oder Alltagserzählungen.

Wenn er morgens um kurz vor Sieben frühstückte, da waren die Eltern schon bei der Arbeit und die Schwester im Kindergarten. Auf dem Frühstückstisch stand neben dem Gedeck, das die Eltern hingestellt hatten (mit heißem Kakao), der große blaue Wecker – so einer mit richtigen Schellen, die mörderisch laut rasselten.

Der Wecker war wichtig, weil der kleine Andreas allzu oft über dem Buch, das er beim Frühstück las, die Zeit vergaß. Gerade wenn er eines der Büchlein aus der Reihe »Der kleine Trompeter« las, denn die waren so schön handlich und kurz und knapp, dass selbst Leseanfänger das Gefühl haben, sie schnell und spielerisch bewältigen zu können. Eben noch schnell zu Ende lesen … – und schon rasselte der Wecker …

Die Bücher aus der Reihe »Der kleine Trompeter« hatten alle ein jackentaschentaugliches Miniformat und waren selten dicker als um die 70, 80 Seiten. Wie immer im Leben gab es unter diesen Veröffentlichungen Licht und Schatten, Gutes und weniger Gutes. Einige Titel waren propagandistisch oder zumindest ideologisch aufgeladen. Aber viele der Bücher enthielten unbedenkliche, harmlose und freundliche Geschichten für Kinder und für den kindlichen Funken, der ins uns Erwachsenen noch lebt.

»Das Zaubertelefon« gefällt mir ganz besonders gut, heute sogar noch viel mehr als früher, weil es so wunderbar schräg ist. Der Autor Peter Brock spinnt – fast scheint’s, er täte es ganz beiläufig aus dem Stegreif – sechs schrullige Geschichten.

Über den Hirsch Waldemar, dem es eines Tages zu langweilig wird, an der Autobahn das Warnschild »Vorsicht, Wildwechsel!« zu zieren, und der einfach aus dem roten Dreieck herausspringt und ein turbulentes Abenteuer erlebt (Wildwechsel am Alexanderplatz). Über den Schüler Olaf Panse, der eine neue Sprache erfindet und es ein bisschen zu weit treibt (Wenn Trübsal einkehrt). Über Ewald Hokus, der sich ein gebrauchtes Zaubertelefon kauft und mit dessen Macht und Macken nicht so ganz zurechtkommt (Das Zaubertelefon). Ein Warzenschwein, das die Giraffe um ihren langen Hals beneidet und einen Tausch vorschlägt (Das Girschwein und die Warzenraffe). Die Romanze zwischen einem ganz ungewöhnlichen Paar, die nicht von Dauer sein kann und die schmerzlich-schön endet (Der Sonntag ihres Lebens).

Und auch die Geschichte von Windulei, dem Fragezeichen, das mehr vom Leben will.

Das Fragezeichen Windulei langweilte sich. Seit sieben Jahren stand es hinter ein und demselben Satz, und der lautete: Wie heißt die Nachtigall am Tag? – Windulei fand die Frage reichlich dumm.

Die Geschichten kommen allesamt ohne allzu konkrete zeitgenössische Bezüge aus und sind weit, weit von jeglicher Politik und Ideologie entfernt. Zusammen mit ihrer Versponnenheit verleiht ihnen das eine zeitlose Modernität.

Passend dazu ist das Ganze auf meisterhafte Art von Manfred Bofinger illustriert – schön lakonisch und schnoddrig.

Wirklich, ein Vergnügen, dieses Buch! Und wie kann es auch anders sein, wenn man schon im »Vorwort« mit diesen freundlichen Worten begrüßt wird:

Liebe Kinder, das sind Geschichten, aus denen ihr überhaupt nichts lernen müßt. Wer’s trotzdem tut, ist selber schuld.

(Das Buch ist nicht mehr neu erhältlich, aber es finden sich bei Amazon und sicherlich auch bei antiquariat.de gebrauchte Exemplare!)

  • Autor(en): Peter Brock
  • Zeichner: Manfred Bofinger
  • Verlag: Der Kinderbuchverlag Berlin
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 1980
  • Wertung von Andreas: 5/5

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