Szczepan Twardoch: Der Boxer

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Lassen Sie mich mit den Dingen beginnen, die mir an Szczepan Twardochs Roman gefallen.

Da ist zunächst einmal sein historischer Rahmen: »Der Boxer« spielt im Warschau des Jahres 1937. Es gibt nicht viele Bücher, jedenfalls nicht in deutscher Übersetzung, die sich mit der Republik Polen zwischen den zwei Weltkriegen befassen. In Deutschland und Westeuropa ist man ja ohnehin nicht geneigt, den Blick mit echtem Interesse nach Osten zu richten. Das ist für uns alles ein und dasselbe – Tschechien, Ungarn, Polen, Weißrussland, Slowakische Republik, Rumänien, alles zusammengefasst unter dem nicht mehr gehörten, aber fast immer gedachten Begriff Ostblock.

Wir haben Assoziationen, selten gute. Vielleicht kriegen wir noch ein paar Hauptstädte zusammen, aber da endet es dann auch bei den meisten. Dass Tschechien über Jahrhunderte niemals Osten war, dass Polen-Litauen einmal eines der ausgedehntesten Reiche Europas war, dass Ungarn sozusagen das zweite K in k.u.k. war, das ist nicht mehr so recht präsent. Es ist alles der Osten und damit irgendwie sowjetisch und uninteressant, ja, ein bisschen unheimlich-barbarisch.

Noch weniger wissen wir von den Republiken, die zwischen den Weltkriegen in diesen Gebieten existierten. Das ist durchaus verzeihlich, denn wie lange ringen Historiker, Philosophen, Wissenschaftler aller Sparten und auch Schriftsteller nicht schon darum, überhaupt unsere eigene Geschichte zwischen 1900 und 1945 zu fassen und zu erklären? Durchaus kein böser Wille, wenn da die Zweite Polnische Republik keine große Rolle spielt.

Umso erfreulicher nun also, dass »Der Boxer« in den letzten Jahren eben dieser Republik spielt und uns einen Blick auf die unübersichtliche Gemengelage werfen lässt!

Der zweite Aspekt, der mir gut gefällt, ist, dass es gerade die jüdischen Viertel sind, in die uns der Autor schauen lässt. Und vor allem, dass in Twardochs Roman ein Jude der Titan sein darf, nicht mild und gut, nicht intellektuell, sondern stark und dominant. Der Autor lässt das einen hohen Staatsbeamten in gedachte Worte fassen, als der dem Helden des Buches begegnet:

Der Sekretär hatte Shapiro schon immer gehasst. Er hasste ihn, weil Shapiro Jude war, das in erster Linie, und kein Jude hatte das Recht, so stark zu sein, so gut auszusehen, so gut gekleidet und luxuriös motorisiert zu sein; er hasste ihn dafür, dass er physisch Angst vor ihm hatte, und dafür, dass die Frauen Shapiro liebten […]

Ein starker jüdischer Held. Das hat mich gefreut und mich mitsamt der geschichtlichen Einbettung bewogen, zu diesem Buch zu greifen.

Bedauerlich ist, dass Szczepan Twardoch diese guten Grundideen – aus meiner bescheidenen Sicht – verschenkt. Bildlich gesprochen hat er zwei kostbare Zutaten, und ihm fällt nichts Besseres ein, als sie in einen Kessel farblosen Breis zu werfen und zur Unkenntlichkeit zu verkochen. Am Ende bleibt der Brei, der dann mit viel zu viel Chili »aufgepeppt« wird.

Oder ganz unbildlich und lapidar gesagt: Twardoch schreibt vierhundertfünfzig Seiten, auf denen nichts Nennenswertes passiert, uns kein einziger Charakter begegnet, der nahbar wäre oder uns gar ans Herz wüchse. Vierhundertfünfzig Seiten um den Paten Kaplica und seine Schläger und Geldeintreiber, darunter eben der Held Jakub Shapiro, ein Boxer. Vierhundertfünzig Seiten mit sich endlos wiederholenden vulgären Brutalitäten, die bis ins Detail geschildert werden, und Klischees ohne Ende. Vierhundertfünfzig Seiten Langeweile.

Fast scheint es, als habe der Autor selbst das so empfunden, denn anders kann ich mir kaum erklären, warum er zu allem Überfluss die Erzählung auch noch mit einer zweiten Zeitebene befrachtet, die ärgerlich abrupt und unvermittelt in die dünne Geschichte gemengt ist. Professionelle Buchkritiker werden gerade das ganz raffiniert finden, aber hier bei Svipp beurteilen wir Bücher danach, wie unterhaltsam oder lehrreich oder anderweitig inspirierend wir ein Buch fanden, und nicht danach, ob es irgendwelche technischen Verrenkungen enthält, die es uns ermöglichen, uns als Kenner zu fühlen, wenn wir sie »verstehen«.

Nein, nein, diese zweite Erzählebene hilft dem Roman nicht, sondern macht ihn nur noch quälender. Und ganz und gar unnötig und gesucht-geschraubt ist die »überraschende Wendung«, die Twardoch dann zusätzlich noch in Haupthandlung und zweite Ebene hineingefriemelt hat. Ich behalte natürlich für mich, um was es sich dabei handelt, auch wenn zumindest mir lange, lange vor der Auflösung klar war, was Sache ist.

Was bleibt? Gute Gedanken, sehr gute Ideen und Ansätze, eine (soweit ich es beurteilen kann) hervorragende Übersetzung – im Ganzen aber ein Roman, der nichts in mir berührt hat und den ich schnell vergessen haben werde.

Das liegt sicherlich an der bereits erwähnten dürftigen Handlung. Auf all den vielen Seiten passiert erstaunlich wenig an Ereignissen oder innerer Entwicklung.

Und es liegt überdies daran, dass uns Lesern ausschließlich Verbrecher als Helden angeboten werden. Dass das grundsätzlich so ist, konnte ich natürlich dem Klappentext entnehmen. Nicht gefasst war ich aber darauf, dass in »Der Boxer« Verbrechertum zu etwas Höherem, zu einer Art edlerem Menschentum verklärt wird. Dass mir, wie schon erwähnt, brutalste Akte zugemutet werden. Dass Zivilisten (also Sie und ich) grundsätzlich doof, dekadent, verweichlicht, loserhaft daherkommen oder wie treue Hündchen, die dem Paten Kaplica und seinen Schlägern die Hand lecken. Und dass das jüdische Leben in Warschau bei alldem zur bloßen Kulisse degradiert wird.

Das ist wie endloser Gangsta-Rap in Romanform.

Er kam nicht, sie dafür kam mehrere Male, schreiend, ihn ins Gesicht schlagend.

Es wäre anders, wenn beim Helden Shapiro echte Zerrissenheit aufkäme. Aber das kann ich nicht erkennen. Und wenn er sich ein-, zweimal im Bordell bei einer Hure weinend zusammenrollt, dann wirkt das eher abstoßend selbstmitleidig-rührselig, weil eben die zu tieferer Tragik gehörenden Zweifel fehlen. Ähnlich kalt lässt mich Shapiros trotzige Wut, als es irgendwann im Roman dann mal ihm nahestehende Personen erwischt, nachdem wir seitenlang beobachten dürfen (müssen), wie er selbst seiner »Arbeit« nachgeht und Menschen drangsaliert, zusammendrischt, verstümmelt und abschlachtet.

Das ist mir alles zu dumm, zu roh und viel, viel zu fern. Und ich will auch nichts hören von der schweren Vergangenheit und armen Herkunft des Helden. Seine Opfer nämlich sind keinen Deut besser gestellt. Mir sind diese anderen Menschen näher. Menschen wie Naum Bernstein. Den Shapiro und seine blutrünstigen Kumpane gleich am Anfang des Romans brutal »beseitigen«.

Es ist nicht so, dass ich nur Blümchenliteratur läse und zarte Weichzeichnerfilme schaute, nein, nein. Ich habe aber eine Abneigung gegen die Verherrlichung der Bösen, der Brutalen, der Dummen (und Dummheit hat nichts mit Intelligenz oder Bildung zu tun!).

Sie kennen den Filmklassiker »Die glorreichen Sieben«? Darin gibt es diesen wunderbaren Dialog zwischen einem Jungen aus dem Dorf, das der Revolvermann Chris und seine Leute gegen Bezahlung vor Banditen schützen sollen, und einem von Chris Männern:

Village Boy 2: We’re ashamed to live here. Our fathers are cowards.

O’Reilly: Don’t you ever say that again about your fathers, because they are not cowards. You think I am brave because I carry a gun; well, your fathers are much braver because they carry responsibility, for you, your brothers, your sisters, and your mothers. And this responsibility is like a big rock that weighs a ton. It bends and it twists them until finally it buries them under the ground. And there’s nobody says they have to do this. They do it because they love you, and because they want to. I have never had this kind of courage. Running a farm, working like a mule every day with no guarantee anything will ever come of it. This is bravery. That’s why I never even started anything like that… that’s why I never will.

(»The Magnificent Seven« von 1960)

  • Autor(en): Szczepan Twardoch
  • Originaltitel: Król
  • Verlag: Rowohlt Berlin
  • Sprache: Deutsch
  • Jahr: 2018
  • ISBN: 978-3737100083
  • Wertung von Andreas: 2/5

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