Tim Marshall: Prisoners of Geography

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Tim Marshall nimmt uns in seinem kompakten und gut zu lesenden Buch mit auf einen Flug rund um die Welt. Er lässt uns dabei die geografischen Gegebenheiten verschiedener Regionen betrachten und erläutert, welchen Einfluss sie auf Entwicklung und Politik der betreffenden Staaten haben, ja, wie in einigen Fällen eine vorhandene Topografie bestimmte Entscheidungen und Strategien geradezu erzwingt.

So wahnsinnig neu und sensationell, wie die Pressestimmen auf dem Umschlag vielleicht suggierieren, ist dieser Ansatz nicht. Schon der olle Herder hat Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Hauptwerk recht wortreich den Gedanken entwickelt, dass es nicht zuletzt an den klimatischen und geografischen Verhältnissen liegt, wenn sich die Völker in verschiedenen Teilen der Welt verschieden entwickelt haben. Und vor Herder sind gewiss auch schon andere auf diesen Gedanken gekommen.

Aber es gibt ja auch zig Lieder über Liebe, und Herder konnte beispielsweise noch nichts über die heikle Lage schreiben, in der sich das heutige Pakistan zwischen Taliban auf der einen und den USA auf der anderen Seite befindet, oder darüber, warum die USA eine Supermacht werden mussten, während das für Brasilien nicht absehbar ist.

Marshalls Werk ist also keineswegs kalter Kaffee oder langweiliges Zeug, ganz im Gegenteil. Ich möchte nur die für meinen Geschmack allzu frenetischen Jubelgesänge darüber ein wenig »erden«. Warum es nicht einfach einmal dabei bewenden lassen, ein Buch schlicht als gut zu empfehlen? Das ist doch auch ohne dramatische Superlative ein Lob – und lässt uns Attribute wie »phenomenal« oder »fascinating« für die wenigen Ausnahmefälle.

Der Grad Ihrer Begeisterung über »Prisoners of Geography« wird davon abhängen, wie sehr Sie sich auch sonst mit Geschichte befassen und wie aufmerksam Sie das Weltgeschehen verfolgen. Gerade die Kapitel über Russland, die USA, Westeuropa oder den Mittleren Osten enthalten für einigermaßen beschlagene Leser nicht so wahnsinnig viel Neues an Informationen, Zusammenhängen und Thesen.

Für mich persönlich waren die übrigen Kapitel – über China, Afrika, Indien und Pakistan, Korea und Japan, Lateinamerika und über die Arktis – deutlich interessanter und lehrreicher. Das wird aber bei jedem Leser anders sein.

Das Gute an »Prisoners of Geography« ist ja gerade, dass der Autor sich hier zehn verschiedene Regionen vornimmt, so dass sich für die meisten Leser auf jeden Fall etwas von Interesse finden wird. Und davon abgesehen ist das Ganze, wie so viele angelsächsische Sachbücher, wirklich angenehm zu lesen.

Ein kleiner Kritikpunkt ist aus meiner Sicht, dass Tim Marshall an einigen Stellen seine ganz subjektive Wertung in die ansonsten nüchternen Betrachtungen mischt. Das fiel mir vor allem im Kapitel über Afrika auf, wo mir der berechtigte Verweis auf die Last des kolonialen Erbes zu einer etwas sehr ostentativen Europakritik gerät, die ich in ihrer Pauschalität und Vereinfachung für fragwürdig halte.

Ich greife nur drei Punkte heraus. Vor allem spricht Marshall im Zusammenhang mit der Kolonialgeschichte Afrikas ständig von den Verfehlungen »der Europäer«. Das ist weder korrekt noch fair. Mir sind jedenfalls keine schweizerischen, russischen, österreichisch-ungarischen, schwedischen oder griechischen Kolonien in Afrika bekannt.

Beim zweiten Punkt, dem Sklavenhandel, wird das noch deutlicher. Immerhin erwähnt Marshall zwar auch das Treiben arabischer Menschenhändler in Afrika, über das ja allzu oft schweigend hinweggegangen wird. Aber: auch hier spricht er einfach lapidar von »den Europäern«, anstatt die wenigen beteiligten Nationen beim Namen zu nennen. Und ganz außen vor lässt er die Vereinigten Staaten: während er sonst zwischen den USA und Europa unterscheidet, scheinen ihm im Zusammenhang mit dem Sklavenhandel die US-Amerikaner unversehens wieder zu Europäern zu geraten. Unter den Tisch fällt überdies, dass nicht jeder Mensch in Europa für den Sklavenhandel verantwortlich war, sondern eine kleine Schicht davon profitierte. Und außerdem, dass es wiederum auch Europäer waren, die den Kampf gegen das Unwesen der Sklaverei aufnahmen, während es im arabischen Raum kein Pendant zur Society for Effecting the Abolition of Slavery gab.

Ein drittes Beispiel für latent einfließende subjektive Sichtweisen soll sein, wie unterschiedlich Marshall die Kolonialbestrebungen europäischer Mächte in Afrika auf der einen und die Besiedlung des heutigen Staatsgebiets der USA auf der anderen Seite bewertet. Hier sieht er Unterdrückung, Ausbeutung und Ignoranz, während er dort heldenhaften Pioniergeist sieht (und die Ureinwohner nur ganz beiläufig erwähnt).

Das Problem ist gar nicht, dass der Autor diese Sicht auf die Dinge hat und äußert, sondern dass er sie nicht als subjektiv kennzeichnet. Ich unterstelle ihm da keine Absicht, keine »Agenda«. Aber es ist eben ein wenig störend. Vielleicht hätte er sich strenger an sein eigentliches Thema, die Geografie, halten sollen, auch wenn es dann ein paar Seiten weniger geworden wären. (Für einen genaueren und ausgewogeneren Blick zumindest auf die britische Kolonialgeschichte empfehle ich übrigens Niall Fergusons »Empire«.)

Dieser kleine kritische Schwenk soll nun aber nicht von der Hauptbotschaft ablenken. Und die lautet: »Prisoners of Geography« ist lesenswert, erhellend und basiert auf Tim Marshalls Erfahrungen aus fünfundzwanzig Jahren Arbeit als Auslandskorrespondent. Kurz: kein sensationelles, aber ein gutes Buch!

  • Autor(en): Tim Marshall
  • Verlag: Elliott & Thompson Limited
  • Sprache: Englisch
  • Jahr: 2016
  • ISBN: 978-1783962433
  • Wertung von Andreas: 3/5

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